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1. KapitelMit fünfunddreißig hielt sich Maxwell Mather für einen glücklichen Menschen. Er war bei bester Gesundheit. Sein Körper war in Form, die Jahre hatten seinem Aussehen noch nichts anhaben können. Sein Bankkonto wies ein statdiches Guthaben auf. Das Zusammenleben mit Leuten, die reicher waren als er, hatte ihn Sparsamkeit gelehrt und ihm zu einem gewissen Geschick im Umgang mit Geld verhelfen. Er hatte sich einen bescheidenen Ruf als Wissenschaftler erworben, sowohl als Fachmann für alte Handschriften wie als Kunsthistoriker. Er hatte eine großzügige Gönnerin, die ihn diskret, aber komfortabel in einem alten Turm untergebracht hatte, einer Dépendance ihrer Villa. Seine Tätigkeit war in keiner Weise anstrengend; er war Kustos und Konservator des Palombini-Archivs, das Tausende von Büchern, Folianten und vergilbten Aktenbündeln umfaßte, Stapel um Stapel aufbewahrt in den höhlenartigen Gewölben, die früher als Stallungen und Waffenkammer für die Leibgarde gedient hatten. Anfangs hatte man den Turm Torre Merlata genannt, weil er als Wachturm erbaut worden war, mit Zinnen und Schießscharten für die Bogenschützen und Kanoniere. Im Lauf der Jahrhunderte war der Name abgekürzt worden zu Tor Merla - Amselturm. Es war ein treffender Name, denn im Hofstand eine große Kastanie, in der Singvögel nisteten, sicher vor den kalten Bergwinden, geschützt vor den ausdörrenden Hitzeschüben des toskanischen Sommers. Morgens kam Pia Palombini mit einem Elektrowägel-chen von der unten liegenden Villa herauf, machte es sich in einem sonnigen Winkel auf einer Chaiselongue bequem, von wo aus sie ihm bei der Arbeit zuschauen und an den Geschichten teilhaben konnte, die auf den ramponierten, vergilbten Seiten aufgezeichnet waren - die Gerichtsverfahren und Lüsternheiten, die Kabalen und Verschwörungen der Adelsfamilien von Florenz, zu denen die Palombini gehörten.9Abends speiste er in der Villa, in dem gewölbten Speisesaal, wo die Holzscheite im großen Kamin lichterloh brannten, unter dem geschnitzten Wappen der Palombini auf azurblauem Grund, ein purpurner Schrägbalken, im Wappenfeld Tauben im Flug. Danach, wenn die Dienstboten sich zurückgezogen hatten, schliefen sie miteinander in dem großen letto matrimonio mit den Brokatvorhängen, den goldenen Quasten und der langen Geschichte leidenschaftlicher Vereinigungen. Manchmal, ohne Vorwarnung, war Pia das pastorale Dahinströmen ihrer Tage leid und wirbelte mit ihm davon, nach Venedig, nach Paris, nach London oder Madrid, um luxuriös einzukaufen und verschwenderische Einladungen zu geben.Es war ein angenehmes Dasein, das sich Mather ohne Schuldgefühle und ohne Zweifel gefallen ließ. Er war gutmütig, sah gut aus, war im Bett potent, ein Begleiter mit guten Manieren, ein intelligenter Gesprächspartner, ein gerngesehener Gast auf jeder Party. Er entsprach vollkommen der historischen Rolle desdamigello des Kavaliers, des Hausgelehrten, der für seinen Lebensunterhalt arbeitete, seine Stellung behauptete und keine Bedrohung für die Erben darstellte, weil die Dame des Hauses ihn zwar möglicherweise liebte, aber niemals heiraten würde.Dann, an einem schönen Frühlingstag, fuhr Pia, die sich elend gefühlt hatte, zu ihrem Arzt nach Florenz. Er schickte sie .sofort nach Mailand, damit in der Klinik weitere Tests durchgeführt werden konnten. Das Urteil war einstimmig: Lateralsklerose, eine auszehrende, zum Muskelschwund führende Krankheit des Nervensystems. Es gab keine Behandlungsmethode. Die Prognose war eindeutig negativ Fraglich war nur, ob das Ende schnell oder langsam kommen würde.Wie auch immer, das Fortschreiten des Leidens war unaufhaltsam: eine Schwächung der Muskeln und des Gewebes, eine stetige Schädigung des Nervensystems, die wachsende Gefahr, daß die Patientin sich verschluckte und erstickte.Als Pia ihm davon erzählte, stellte sie Mather unverblümt die Frage, ob er gehen oder bleiben wolle. Er sagte, er wolle bleiben. Als sie ihn fragte, warum, gelang ihm die gnädigste Lüge seines Lebens: Er sagte, er liebe sie. Sie küßte ihn, brach in Tränen aus und stürzte aus dem Zimmer.10