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Vo r w o r t
W iederholt ist dem Verfasser im Anschluß an Vorträge über Möbellcunst der Wunsch nach einer zusammenfassenden reichillustrierten Darstellung der Möbelformen der historischen Stile entgegengetreten. So entstand dieses Buch als ein Leitfaden an der Hand eines ausgewählten Abbildungsmaterials durch das fast unübersehbare Gebiet der Möbel* kunst der Vergangenheit. Ein Buch in erster Linie für die Zwecke der Praxis, für Sammler, Architekten, Dekorationskünstler, Tischler und Bauherren.
Zum Verständnis der Stilgeschichte des Möbels muß man sich unbedingt dasVerhältnis der Möbelstile zu den Stilen in der Architektur klarmachen. Sie stehen zwar in Beziehung zueinander — weshalb mit Recht die Stilbegriffe der Architekturgeschichte auch auf das Möbel angewendet werden —, aber man darf nicht glauben, daß das Möbel seine Formen unverändert und unmittelbar aus der Baukunst entlehnt. Namentlich das Holzmöbel geht seinen eigenen Weg, der bestimmt wird durch dasMaterial und seine Behandlung, z. B. durch die verschiedenen Hölzer, durch die Art der Bearbeitung des Holzes mit Säge und Hobel, durch die zeitweilig übliche Verkleidung eines derberen Holzes mit einem feineren, die sogenannte Furnierung, durch gedrechselte Glieder und Teile und dergleichen.
Die Einsicht in diese Tatsache ist für dasVerständnis der alten Möbelkunst unentbehrlich. Denn es war ein verhängnisvoller Irrtum der stilnachahmenden Möbelkünstler seit der Romantik um die Mitte des 19.Jahrhunderts, zu glauben, die Möbel hätten ihre Formen direkt und unbesehen aus der Baukunst übernommen. Dadurch schufen sie die mit Architektur» gliedern, mit Säulen und Bogen, Gesimsen und plastischen Verzierungen überladenen Möbel in historischen Formen, Möbel in einer vermeintlichen Gotik oder Renaissance, in einem theatralischen Barock und süßlichen Rokoko, Möbel in chinesischen und türkischen Formen u. dgl., die mit dem künstlerischen Wesen der echten Möbelschöpfungen dieser Epochen und Kulturen nichts gemein haben. Erst unsere Generation hat sich von der Nach« ahmung der historischen Architekturformen im Möbelbau frei gemacht und hat dadurch ein besseres Verständnis für die alte sachgemäße Möbelkunst gewonnen.
Der Stoff ist gegliedert nach den großen Stilepochen. In der europäischen Kunst* geschichte bilden die Stile jedesmal eine durchgehende internationale Erscheinung, inners halb deren dann allerdings die einzelnen Länder sich durch gewisse Abweichungen von* einander unterscheiden, und demgemäß sind auch hier die Möbel innerhalb der großen Stilgruppen möglichst länderweise geordnet.
Hermann Schmitz