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EINLEITUNG Das Nibelungenlied gehört zu den viel gelesenen Werken des hohen und spáten Mittelalters. Etwa drei Dutzend Handschriften des 13. bis 16. Jahrhunderts - die jüngste für Kaiser Maximilian geschrieben - sind vollstándig oder in Bruchstücken auf uns gekommen und bezeugen seine lange Beliebtheit. Danach sinkt es in Vergessenheit und wird erst im 18. Jahrhundert wiederentdeckt und nicht ohne Widerstánde aufgenommen. Bekanntlich hat König Friedrich II. von PreuBen auf die Widmung des ersten vollstándigen Druckes durch C. H. Myller (1782) sehr wenig gnádig geantwortet. Auch Goethe hat sich dem Epos spát und zögernd genáhert; Gefühl für das Grofie, Abwehr des MaBlosen mischen sich in seinen Urteilen über das Epos. Erst die Begeisterung der Romantiker für das Mittelalter gab ihm den ihm gebührenden Platz in unserer Dichtung zurück. Die Ausgabe von Carl Lachmann von 1826 - eine der frühesten kritischen Ausgaben eines mittelhochdeutschen Textes - und die Übersetzung von Simrock (1827) machten es allgemein bekannt. Für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts gehörte es seitdem zum literarischen Bildungskanon, kaum aber auch zum echten Bildungsgut. Zum >Nationalepos< jedenfalls, zu einem Besitz des deutschen Volkes, ist es trotz aller Bemühungen nicht geworden. Es bleibt ein groBes dichterisches Zeugnis einer groBen, aber fernen Zeit, vollgültiges Mitglied im Kreise der bedeutenden Dichtungen der Stauferzeit, die wir hochhöfisch nennen. Um das Jahr 1200 gedichtet, ist das Nibelungenlied etwa gleichzeitig mit dem Iwein, dem letzten Werk Hartmanns von Aue, erschienen und etwa um ein Jahrzehnt álter als der Tristan Gottfrieds von StraBburg und der Parzival Wolframs von Eschenbach. Sein Dichter ist uns nicht bekannt; er war ein ritterbürtiger Osterreicher, im