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DIE KRISE DER SPRACHWISSENSCHAFT
Die Sprachwissenschaft befindet sich bereits seit längerer Zeit in einer schweren Krise. Diese Krise ist das Ergebnis der Verknüpfung einer uralten Irrlehre mit einer mißbrauchten modernen wissenschaftlichen Methodik. Und weil irrtümliche linguistische Theorien auf die praktische Pflege der Sprache — die ja das Ausdrucksmittel jeden menschlichen Gedankens ist — einen höchst schädlichen Einfluß ausüben können und bereits ausüben, erheischt das Interesse der ganzen Menschheit die Beseitigung der irrtümlichen Theorien.
Die von mir obenan erwähnte Irrlehre ist die Auffassung — möchte lieber sagen: Aberglaube, der sowohl Fachleute als auch Laien in Bann hält —, wonach gewisse Sprachen in der Vergangenheit irgendwelchen Lautveränderungen zufolge zu anderen Sprachen geworden wären und daß so etwas auch heute möglich sei; ja, im stillen, sozusagen unbemerkt fortwährend vor sich gehe. So glaubt heute, zum Beispiel, jeder gebildete Europäer und Amerikaner fest und unerschütterlich, daß das Italienische, Spanische, Französische usw. sogenannte Tochtersprachen des Lateinischen seien; daß also — um ein typisches Exempel zu nennen — italienisches cento (: tschento), spanisches den (: thien) und französisches cent (: ssä) samt und sonders aus lateinischem centum (: kentum) entstanden seien, durch verschiedenartigen sogenannten Lautwandel. Und namentlich glauben die Deutschen, zum Beispiel, daß ihre Vorfahren vor etwa zweitausend Jahren ausschließlich Water sagten, woraus dann Wasser, einer sogenannten Lautverschiebung zufolge, entstanden wäre. (Der Germanist spricht hier natürlich von altsächsischem watar und althochdeutschem wazzar; warum ich dies nicht tue, wird später erhellt.) Diese, hier äußerst kurz skizzierte (weil einem jeden wohlbekannte) Auffassung ist aber grundfalsch; und weil sie nach wie vor die Grundlage aller linguistischer Forschung bildet, ist die Linguistik noch immer weit entfernt von der Möglichkeit, eine wirkliche Wissenschaft genannt zu werden — ungefähr ebenso weit, wie der an einen horror vacui glaubende mittelalterliche Scholast von dem Naturforscher unserer Zeit entfernt war.
In einem kurzen Artikel wie der vorliegende ist, kann ich eine strenge, ins Detail gehende Widerlegung der Lautwandeltheorie natürlich nicht geben. Worauf ich den Leser hier vor allem aufmerksam machen will, ist dies: es gibt zwar in der Geschichte der Sprachen wirkliche Lautverände-