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Anne
September 1945
K
Am Tage ihrer Ankunft zeigte die Quecksilbersaule dreiunddreifiig Grad. New York dampfte wie ein erbostes Betonungeheuer, das unversehens von einer Hitzewelle überrollt worden ist. Aber sie stiefi sich weder an der Hitze noch an dem abfallübersáten Kern-stück der Stadt, das sich Times Square nennt. In ihren Augen war New York die atemberaubendste Stadt der Welt. Nie wieder wollte sie nach Lawrenceville zurück. Sie war nicht blofi von dort abgereist, sie war geflohen. Geflohen vor der Ehe mit einem braven, biederen Jungen namens Willie und dem biederen, gesitteten Leben, das ihr dort bevorstand. Das gleiche gesittete Leben, das ihre Mutter geführt hatte. Und die Mutter ihrer Mutter. Beide im selben adretten Haus. In diesem Haus hatte eine ehrbare neuenglische Familie seit Generationen gelebt, und alle Bewohner waren von nicht ausgelebten Emotionen erstickt worden, die man hinter dem knarrenden eisernen Korsett, genannt »gute Manieren«, zum Schweigen gebracht hatte.
Lawrenceville hatte sie bis ins College von Radcliffe verfolgt. Oh, natürlich hatte es dort Mádchen gegeben, die miteinander tuschel-ten, die lachten und weinten und die Hoch- und Tiefstimmungen des Lebens auskosteten. Aber sie hatten sie nie in ihren Kreis ein-bezogen. Es war, als trüge sie ein grofies Umhángeschild mit der Aufschrift: »Abstand haltén. Kalter, reservierter Neuengland-Typ.«
So hatte sie wáhrend des letzten Collegejahres beschlossen, zu flüchten und Mutter und Tante Amy ihren Entschluf? in den Oster-ferien mitgeteilt.
»Mama Tante Amy wenn ich mit dem College fertig bin, fahre ich nach New York.«
»Fahr du nur in dein New York. Ich werde dir nicht im Weg stehen«, hatte ihre Mutter gesagt. »Ich bin überzeugt, Willie Henderson wird auf dich warten. Aber denk an meine Worte, Anne: Du wirst nach wenigen Wochen heimgerannt kommen und froh sein, der schmutzigen Stadt den Rücken zu kehren.«
Schmutzig war New York am Tage ihrer Ankunft tatsachlich ge-wesen. Und heifi und voll von Menschen obendrein. Mit dem Schmutz, dem Dunst und der Fremde vermischte sich für Anne jedoch eine ungemeine Erregung und das Gefühl, endlich wirklich zu leben.
Henry Bellamy traute seinen Augen kaum. Das konnte nicht wahr