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VORWORT
Dieses Buch behandelt eine Phase in der Entwicklung des zeitgenössischen Theaters: jenen Dramentypus, der verbunden ist mit den Namen Samuel Beckett, Eugene Ionesco, Arthur Adamov, Jean Genet und denen einer Reihe weiterer Dramatiker der Avantgarde in Frankreich, England, Italien, Spanien, Deutschland, den USA und in anderen Ländern.
Bücher über Theaterfragen verlieren gemeinhin schnell an Interesse; in den Buchhandlungen wirken die Regale mit den Autobiographien berühmter Schauspieler und den Sammelausgaben der Erfolgsstücke vom letzten Jahr etwas verstaubt. Ich hätte auch dieses Buch nicht geschrieben, wäre ich nicht davon überzeugt, daß dem darin abgehandelten Thema eine Bedeutung zukommt, die über die engeren Grenzen der Theaterliteratur hinausgeht. Wenn es auch den Anschein hat, als würde das Theater durch die Massenmedien verdrängt, so übt es doch weiterhin einen sehr großen, ja wachsenden Einfluß aus — gerade, weil Film und Fernsehen sich derart ausgebreitet haben. Diese Massenmedien sind in der Produktion zu umständlich und zu kostspielig, um viele Experimente und Neuerungen zu erlauben. Deshalb blieb das Theater, obwohl seine Mittel beschränkt sind und es nur einen kleinen Kreis erfaßt, der Ort, an dem Schauspieler und Autoren der Massenmedien geschult werden und ihre Erfahrungen sammeln, an dem das Material für Film und Fernsehen erprobt wird. Die Avantgarde des Theaters von heute ist so stets von größtem Einfluß auf die Massenmedien von morgen. Und die Massenmedien ihrerseits formen wiederum weitgehend das Fühlen und Denken der Menschen in der westlichen Welt.
Aus diesem Grunde ist auch der Dramentyp, der in diesem Buche untersucht wird, durchaus nicht nur für einen kleinen Kreis von Intellektuellen von Interesse. Er wird vielleicht in nicht allzuferner Zukunft eine neue Sprache, neue Begriffe, neue Anschauungsformen und eine neue, lebensnahe Philosophie schaffen, durch die die Modi des Denkens und Fühlens der breiten Masse sehr stark beeinflußt werden könnten.
Außerdem müßte meiner Meinung nach das Verstehen dieser dramatischen Form, die von manchen Kritikern immer noch mißverstanden wird, auch das Verständnis für parallel verlaufende Strömungen auf anderen Gebieten fördern oder zumindest doch sichtbar machen, daß neue Formen dieser Art die Umwälzungen widerspiegeln, die sich in den letzten fünfzig Jahren in den Naturwissenschaften, in der Psychologie und Philosophie vollzogen haben. Da das Theater eine größere Breitenwirkung hat als die Lyrik oder die abstrakte Malerei, ohne jedoch, wie die Massenmedien, das Kollektiv-Produkt anonymer Körperschaften zu sein, bezeichnet es genau den Schnittpunkt, an dem für ein breiteres Publikum die untergründigen Strömungen, die unser Denken verändern, sichtbar werden können.