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Wie das „Tiwater Laboratorium" entstanden und was es gewesen ist
Das Wroclawer Theater Laboratorium ist ein Phänomen in der zeitgenössischen Kultur, und das nicht nur in Polen. Es ist im Sommer 1959 unter der Leitung von Jerzy Grotowski und Ludwik Fla-szen entstanden und hat bis auf den heutigen Tag seine markante Besonderheit und Eigenart bewahrt; und obwohl es sich natürlich im. Laufe der Zeit weiterentwickelt und den Charakter seiner Tätigkeit geändert hat, ist es sich selbst und seiner Berufung erstaunlich treu geblieben.
Die vorliegenden Ausführungen sollen ein Versuch sein, die Geschichte dieser teilweise zu Opole, teilweise zu Wrcclaw gehörenden künstlerischen Einrichtung in jenem Zeitraum zu umreißen, in dem sie sich dem reinen Theaterschaffen gewidmet hat, also in den Jahren 1959-1970. Vor allem aber sollen sie ein Versuch sein, das Wesen dieses Phänomens zu erfassen und seinen Beitrag zur Kultur darzustellen. Zugleich soll dieser „Abriß" - soweit es nur möglich ist - ein Zeugnis sein. Daher stützt er sich hauptsächlich auf Dokumente und Tatsachen, die die bisherige Geschichte dieser Gruppe von Theaterschaffenden, dieser Einrichtung und ihrer Aufnahme beim Publikum mitgestaltet haben. All das wird vom Verfasser nur durch die Gegenüberstellung der genannten Tatsachen und Dokumente kommentiert, die sich gleichsam gegenseitig beleuchten und auslegen.
Jerzy Grotowski wurde am 11. November 1933 in Rzeszöw geboren. Als er die künstlerische Leitung des Theater der 13 Reihen (Teatr 13 Rz?döw) übernahm, hatte er schon hinter sich: das abgeschlossene Studium an der Fakultät für Schauspielkunst der Staatlichen Schauspielschule in Krakow (1951-1955), das Regiestudium am Staatlichen Institut für Theaterkunst GITIS „A. W. Lu-natscharski" in Moskau (Studienjahr 1955/56) sowie das im Oktober 1956 aufgenommene Studium und zugleich die Assistenz an der Fakultät für Regie der Staatlichen Theaterhochschule ,,L. Solski" in Krakow. In dieser Zeit gab es noch eine Reise nach Mittelasien (Sommer 1956), die Teilnahme an den von Jean Vilar (Sommer 1957) und Emil Frantisek Burian (1958) geführten Theaterseminaren sowie die Regieassistenz bei Juri Alexandrowitsch Sawadski (einem Schüler von Stanislawski und Wachtangow) in Moskau und in Krakow. Bevor im Sommer 1959 für den damals sechsundzwanzig-jährigen Grotowski sein „Opoler Abenteuer" mit dem Theater der 13 Reihen begann, hatte er bereits bei fünf Aufführungen in dramatischen Theatern und bei einigen Hörspielen des Polnischen Rund-funktheaters Regie geführt. .
1955 begann Grotowski, seine Erwägungen ziemlich systematisch in der Presse zu veröffentlichen. In diesen frühenÄußerungen steckte gleichsam der Keim seiner künftigen Entwicklung. Vor allem handelte es sich dabei um die Ansicht, daß das Theater nicht ausschließlich eine künstlerisch-ästhetische Funktion erfüllen dürfe. Grotowski widersetzte sich den „artistischen" Tendenzen in der Kunst und schrieb 1959, daß es beim Theater „im Grunde genommen doch einfach darum geht, die Wirklichkeit dynamisch, intensiv, sozusagen »integral« zu erleben "; und an anderer Stelle erklärte er im Namen aller seiner Mitarbeiter: „Uns interessiert die Rückkehr zu jener Periode in der Kunst, als das Theater nicht nur ästhetisch war."
Sowohl hierin als auch in anderen mit der Auffassung von der Kunst und der Einstellung zu ihr zusammenhängenden Fragen fand Grotowski bald in dem drei Jahre älteren Ludwik Flaszen einen Gleichgesinnten. Flaszen (geb. am 4. Juni 1930 in Krakow), ein damals schon geschätzter Literatur-und Theaterkritiker, in der Sp'.elzeit 1954/55 literarischer Leiter des J.-Slowacki-Theaters in Krakow, vertrat wie auch Grotowski die Meinung, das Theater sei eine anachronistische Kunst, die hinter anderen künstlerischen Disziplinen, vor allem hinter der Poesie und der bildenden Kunst, zurückbleibe.