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ERSTES KAPITEL
Je weiter sie nach Westen fuhren, desto stärker glühte es rot und gold in den Buchenwäldern. So kam es wenigstens Riedl vor. Sie waren auf seinen Wunsch von der Autobahn abgebogen.
Der ist mir mal ein frostiger Gesell, dachte der Fahrer Witt, zum Glück geht's bald zurück. - Er fuhr den Ingenieur Riedl nach Hadersfeld zu einer Besprechung im Auftrag der Kossiner Werkleitung.
Ihre Abfertigung am Kontrollpunkt war reibungslos erfolgt. Riedl hatte vor sich hin gesagt: „Hier hätten wir Katharina abholen können." Und Witt, ganz erstaunt, daß Riedl selbst die Frau erwähnte, hatte erwidert: „Sicher. Jetzt ist's zu spät." Und er hatte hinzugefügt: „Noch besser, sie wär nach Berlin gefahren, wir hätten sie dort abgeholt." Worauf Riedl wie vorher nur vor sich hin sagte: „Sie wär, wir hätten sie wär, wir hätten." Dann war er verstummt.
Denn Katharina, von der sie sprachen, als sei ihr beim Überschreiten der Grenze ein Versehen geschehen, das sich leicht hätte vermeiden lassen, war schon tot, als man Riedl voriges Jahr in ein Dorf im Thüringer Wald rief. Warum seine Frau plötzlich, noch dazu kurz vor der Geburt, zu Fuß über die Grenze gekommen war, warum nicht früher, warum nicht später, warum ohne Passierschein, darüber zer^ brach man sich in Kossin noch immer den Kopf. Jetzt versorgte Riedls Mutter das Kind. Er hatte es statt der Frau heimgebracht. Kossin war nun einmal sein Heim.
Meine Reisen nach Westdeutschland, dachte Riedl, haben stets unter einem Unstern gestanden. Doch Stern ist immerhin Stern. Der Unstern hat ein böses Licht, aber Sternenlicht hat er. Diese Reise, freilich, ist eine gewöhnliche Reise. Steht unter keinem Stern. Steht unter keinem Unstern. Ich bin dreimal zu Katharina gefahren, um sie abzuholen. Sie hat sich dreimal geweigert. Das heißt, ich hab dreimal versagt. An nichts hab ich fest genug geglaubt, um sie richtig davon zu überzeugen. Sonst wär's ihr klargeworden, daß sie mitkommen müßte. Und dann hat sie plötzlich von allein den Entschluß gefaßt. Und dann ist sie los. So ist sie. So war sie
Sie fuhren aus dem Wald in die Ebene. Vor einer Dorf-wirtschafl: stiegen sie aus. Sie vertraten sich die Füße. Witt sah sich neugierig um. Er sagte: „Hier wird die Ernte eingeholt. Bei uns ist man noch nicht soweit." Riedl sagte: „Wir sind schon ziemlich weit im Südwesten." Sie gingen in die Wirtschaft. Alles war sauber und frisch, auf Gäste gefaßt. Es roch nach Kaffee.
Riedl verbiß seine Schwermut, die unterwegs manchmal zu einer furchtbaren Trauer wurde, manchmal zu lähmender Gleichgültigkeit. Er versorgte den Witt, er wurde ganz munter, er warf eine Münze in den Spielautomaten. „Das Pferdehalfter, mein Lieblingslied", behauptete er und pfiff, und da er nie pfiff und schwer vorstellbar war als pfeifender Mensch, sah ihn Witt mißtrauisch an. Bei diesem Blick kam Riedl auf den Gedanken, daß Witt in Kossin erzählen würde, vielleicht efzählen mußte, was er alles erlebt hatte in der Bundesrepublik mit dem Ingenieur Riedl. Ihm war es einerlei.
Es war ihm selbst nicht ganz klar, warum er geradezu erpicht auf diese Reise gewesen war. Die Gründe, aus denen sich manche freuten, wenn sie in den Westen geschickt wurden, mit einem Auftrag oder auf eine Konferenz, hatten mit ihm nichts zu tun. Seit August war das neue Handelsabkommen in Gang. Man hatte Riedl gewählt, weil er auch früher verhandelt hatte in Hadersfeld, um die Beziehung