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Das war 1991 [antikvár]

 
Zu diesem Buch 1991 — wir werden uns noch lange an dieses Jahr erinnern. Es begann und endete mit Ereignissen, deren Folgen weit in die Zukunft weisen. Im Januar zeigte eine alliierte Streitmacht unter Führung der USA mit der „Operation Wüstensturm" dem irakischen Diktator Saddam Hussein seine Grenzen. Die erfolgreiche Befreiung Kuweits nach einem Bombenkrieg, der die Infrastruktur Iraks innerhalb von Tagen um Jahrzehnte zurückwarf, und einem 100-Stunden-Landkrieg brachte jedoch auch die ernüchternde Erkenntnis, daß selbst ein...
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Zu diesem Buch 1991 — wir werden uns noch lange an dieses Jahr erinnern. Es begann und endete mit Ereignissen, deren Folgen weit in die Zukunft weisen. Im Januar zeigte eine alliierte Streitmacht unter Führung der USA mit der „Operation Wüstensturm" dem irakischen Diktator Saddam Hussein seine Grenzen. Die erfolgreiche Befreiung Kuweits nach einem Bombenkrieg, der die Infrastruktur Iraks innerhalb von Tagen um Jahrzehnte zurückwarf, und einem 100-Stunden-Landkrieg brachte jedoch auch die ernüchternde Erkenntnis, daß selbst ein Geschlagener noch über Waffen verfügt, die Sieger zu Besiegten werden lassen: Saddam Husseins skrupellose Sprengung der kuwaitischen Ölquellen und das Einleiten von Rohöl in den Persischen Golf haben eine neue Dimension der Kriegführung eröffnet, bei der alle zu Verlierern werden. Wir können zwar hoffen, daß dieses Beispiel nicht Schule macht, sollten aber darauf gefaßt sein War der Golfkrieg ein Paukenschlag, vollzog sich der Zerfall der Sowjetunion eher sang- und klanglos. Das einst so mächtige Sowjet-Imperium, das sich seit der Oktoberrevolution von 1917 einer Welt von Feinden gegenübersah, ist im Dezember still zu Grabe getragen worden — ohne daß ein Schuß abgefeuert worden wäre. Der kommunistische Staat hatte seit der Revolution alle Angriffe überlebt, hatte den Bürgerkrieg gegen die „Weißen" überstanden, war nach dem Sieg über Hitler-Deutschland zur Weltmacht aufgestiegen, zur zweiten Supermacht, die mit ihren Vasallenstaaten in Osteuropa die „Weltrevolu- tion" wollte und sich zunächst nur widerstrebend zur „friedlichen Koexistenz" bereitfand. Bis Michail Gorbatschow, am 11. März 1985 zum Generalsekretär der KPdSU gewählt, eine radikal neue Politik formulierte. „Perestrojka" und „Glasnost" sollten das verkrustete Sowjetsystem aufbrechen und neue Kräfte freisetzen — Kräfte des Fortschritts und der Demokratie. Eine behutsame Liberalisierung der Wirtschaft sollte folgen. Doch der Geist der Freiheit, dem Gorbatschow eine Chance eröffnet hatte, kehrte sich am Ende gegen ihn. Zu groß waren die Probleme, die jahrzehntelang unter der eisernen Faust Moskaus ungelöst geblieben waren, ja geleugnet wurden. Eine marode, vorrangig auf Rüstung getrimmte Wirtschaft, Nationalitätenprobleme an allen Ecken und Enden des Riesenreichs, jahrzehntelang aufgestauter Freiheitsdrang unterjochter Völker — das alles ergab einen brisanten Sprengsatz, dem der Kommunist Gorbatschow, der sich erst spät — zu spät — zum Sozialdemokraten mauserte, nichts entgegenzusetzen hatte außer hilflosen Appellen. Sein Verdienst bleibt, daß er dem Ost-West-Konflikt ein Ende machte und den Völkern Osteuropas die Loslösung vom Sowjet-Im-perium ermöglichte. Und wir Deutschen werden ihm nicht vergessen, daß er die noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehaltene Vereinigung der beiden deutschen Staaten aktiv förderte. Der Putsch, den Moskaus Betonköpfe am 19. August versuchten, markierte den Anfang vom politischen Ende des Michail Gorbatschow. Boris Jelzin, der Mann, den Gorbatschow vor Jahren gedemütigt hatte und von der Politik hatte fernhalten wollen, befreite den auf der Krim unter Hausarrest stehenden Kreml-Chef, zeigte ihm aber sogleich, wer der neue Herr im Haus ist. So erwies sich einmal mehr die Richtigkeit des Satzes: Männer machen Geschichte. Das neue Rußland, mit Boris Jelzin unter seiner alten weiß-blau-roten Trikolore angetreten, das Erbe der früheren Sowjetunion zu übernehmen, wird als wichtigster Staat der neuen „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten" mit für uns kaum vorstellbaren Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Wir sollten es unserem Kontinent wünschen, daß es gelingt, sie mit friedlichen Mitteln zu überwinden. Ein Blick auf Jugoslawien zeigt nämlich, wohin Gewaltbereitschaft führt. Der Bürgerkrieg von Kroaten und Serben, der nun schon seit einem halben Jahr tobt, kann nur durch die Erkenntnis beendet werden, daß Kriege in Europa nicht mehr führbar sein dürfen. Wie es überdies die auch von Jugoslawien unterzeichnete KSZE-Schlußakte verlangt. Kompromisse sind gefragt und keine Konfrontation. Wie mühsam es ist, divergierende Interessen unter einen Hut zu bringen, zeigt das Beispiel Westeuropa. Selbst nach Jahrzehnten der Zusammenarbeit bewegen sich die EG-Staaten noch immer nur in kleinen und kleinsten Schritten auf eine in weiter Ferne liegende Europäische Union zu. Dennoch: Es gibt keine Alternative. Eine Einsicht, die sich hoffentlich auch den Bürgerkriegsparteien des zerbröckelnden Jugoslawien erschließt. Wenn nicht, droht ein Rückfall in Zeiten, die wir längst überwunden glaubten. Hamburg, im Januar 1992 Die Redaktion

Termékadatok

Cím: Das war 1991 [antikvár]
Kiadó: Bertelsmann Club GmbH
Kötés: Fűzött kemény papírkötés
Méret: 210 mm x 280 mm
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