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Das waren Zeiten... [antikvár]

Das waren Zeiten... [antikvár]

 
Die Karikatur gehört zum Schwarz-Weiß, zu den zeichnenden Künsten Bemerkungen von Theodor Heuss Wer nicht auf eine gesonderte und reinliche Auffassung des Wortes Kunst verzichten will, nnuß bedacht sein, die Karikatur auf einem Grenzgebiet anzusiedeln, wie etwa das Plakat, den Buchschmuck, die Illustration. Natürlich läßt sich die Karikatur nicht diesen allen ohne weiteres gleichsetzen. Sie ist ein Zwitter. Sie ist kein Kind der Anschauung und der künstlerischen Darstellung, sondern der »literarischen« Idee und künstlerischer...
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Die Karikatur gehört zum Schwarz-Weiß, zu den zeichnenden Künsten Bemerkungen von Theodor Heuss Wer nicht auf eine gesonderte und reinliche Auffassung des Wortes Kunst verzichten will, nnuß bedacht sein, die Karikatur auf einem Grenzgebiet anzusiedeln, wie etwa das Plakat, den Buchschmuck, die Illustration. Natürlich läßt sich die Karikatur nicht diesen allen ohne weiteres gleichsetzen. Sie ist ein Zwitter. Sie ist kein Kind der Anschauung und der künstlerischen Darstellung, sondern der »literarischen« Idee und künstlerischer Mittel. Wenn die Karikatur in dem stofflichen Gehalt einer Chronik etwa gleichkommt, so kann ihre Form zu einem kritischen Kommentar werden. Dies allein beschäftigt uns hier. Die erste Frage vor solcher Zeichnung lautet: Was für Dinge und Vorgänge sind darauf dargestellt? Die zweite heißt: Wozu und mit welchen Absichten wurde das Blatt entworfen und hinausgegeben? Die Anwort redet von den politischen, sittlichen und sonstigen Meinungen des Künstlers. Man erfährt aus ihr, wohin die Kritik eines Menschenalters, eines Standes, einer Clique oder einer Persönlichkeit zielte. Das gehört im engeren Sinn zur Geschichte geistiger Bewegungen. Die dritte Frage nun kümmert sich um das wie? und mit welchen Mitteln? Es ist die eigentliche Künstlerfrage, die der zweiten Antwort erst den Reiz einer individuellen Farbe gibt. Die Karikatur gehört zum Schwarz-Weiß, zu den zeichnenden Künsten. Nicht als ob es keine farbigen oder gemalten Karikaturen gäbe. Aber die Farbe hat, als solche, keine eigentliche karikaturistische Kraft; selbstverständlich kommt ihr, als Dienerin, eine große Bedeutung zu. Nur in der Linie jedoch, sei sie ein Strich, die Schwingung des Pinsels, die Grenze zwischen Hell und Dunkel einer Fläche, liegt eigentliches charakterisierendes Leben. Eine Bewegung läßt sich ohne lineare Umgrenzung gar nicht ausdrük-ken. Auch das Erweitern einer ebenen Fläche oder die Verstärkung einer plastischen Vorstellung (etwa eines runden Bauches) kann nur durch zeichnerische Elemente geschehen. Die Linie hat beschreibende Kraft. Karikatur ist Beschreibung. Die Karikatur hat den gesellschaftlichen Zweck der Kritik. Sie gehört zum Journalismus. Das entscheidet gar nichts über ihren künstlerischen Gehalt, sehr viel aber für den formalen Ausdruck. Denn die bürgeriiche, wenn man so will, die wirtschaftlich-kapitalistische Verwendung des Erzeugnisses wirkt zurück auf die Gestaltung der Form, auf das Technische. Es muß die Möglichkeit der leichten und raschen Ven/ielfältigung gegeben sein Was aber ist die Form der Karikatur? Es leuchtet ein, daß diese Frage zu allgemein ist, aber nimmt man sie auch enger, so bleiben die Dunkelheiten der Antwort. Denn zweifellos sind Grundformen vorhanden; wie aber soll man sie deuten? In der Kunst schlechtweg geht das eher, natürlich auch dort nur mit Annäherungsgraden. Da kann man sagen: ein Gegenstand, ein Gesicht, eine Landschaft erwartet die und die formale Behandlung; es gibt für den malerischen und linearen Ausdruck angepaßte Gesetzmäßigkeiten. Bei der Karikatur geht das nicht. Eine und dieselbe Sache kann in derselben Technik, In derselben räumlichen Situation, von verschiedenen Künstlern, ja von einem einzigen in der mannigfaltigsten Weise karikaturistisch wiedergegeben werden. Es liegt nahe, die Karikatur eine charakterisierende Vereinfachung zu nennen, bei der die Nebendinge wegbleiben und nur die entscheidenden Linien und Flächenverhältnisse gegeben sind. Dieser Formulierung entspricht ein sehr großer Vorrat an Material, wie zum Beispiel von Wilhelm Busch und Gulbransson. Aber daneben stehen Blätter von Th. Th. Heine oder Gavarni, bei denen die Karikatur auch die Nebendinge stark herausholt, stofflich bleibt und eben dadurch das Menschliche versinken oder die Kleinigkeiten des Lebens wuchern läßt, indem sie sie überhaupt gibt. Also mag man eine große Unterscheidung machen: zwischen den Karikaturisten, die zur Vereinfachung, Vereinheitlichung des Ausdrucks zielen, in eine Linie, ein Schattenverhältnis die Entscheidung legen, die Augenblickswirkung des Plakats erstreben, kurz, um das mißverständliche Wort rasch vorbeigleiten zu lassen: stilisieren, und zwischen denen, die deutlicher machen und genau sind, jeden Winkel und jede Falte zeigen und durch das Viel, das Zuviel auseinandersetzen, was der andere mit Wenig sagen will. Keines von beiden ist künstlerisch »mehr wert« als das andere.

Termékadatok

Cím: Das waren Zeiten... [antikvár]
Kiadó: Süddeutscher Verlag
Kötés: Fűzött kemény papírkötés
ISBN: 3799164251
Méret: 240 mm x 280 mm
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