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Das wolkenlose Fenster [antikvár]

Alexandra Cordes

 
Die beiden Mohren aus schwarzem Erz auf der Torre deirOrologio schlugen mit unbeteiligter Miene die achte Stunde. Hell hallte es über die Piazza San Marco. Die Tauben schwirrten auf, schwarze zuckende Schatten vor dem leuchtenden Violett des Abendhimmels, umkreisten den schlanken Turm des Campanile, ließen sich dann wieder in einer wogenden Wolke aus gurrendem Gefieder auf dem Geviert des Platzes nieder. Über den silbrig schimmernden Kuppeln der Markuskirche hing hell leuchtend ein erster Stern. Manchmal, wenn der Wind das Banner...
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Die beiden Mohren aus schwarzem Erz auf der Torre deirOrologio schlugen mit unbeteiligter Miene die achte Stunde. Hell hallte es über die Piazza San Marco. Die Tauben schwirrten auf, schwarze zuckende Schatten vor dem leuchtenden Violett des Abendhimmels, umkreisten den schlanken Turm des Campanile, ließen sich dann wieder in einer wogenden Wolke aus gurrendem Gefieder auf dem Geviert des Platzes nieder. Über den silbrig schimmernden Kuppeln der Markuskirche hing hell leuchtend ein erster Stern. Manchmal, wenn der Wind das Banner Venedigs an dem langen Mast neben dem Campanile blähte, verdeckte das flatternde Tuch diesen Stern. Golden glänzte dann der Löwe von San Marco auf dem blutigroten Hintergrund der Fahne. Inge Keppler nahm die Hand ihres Mannes, preßte sie an ihre Wange, ließ sie schnell wieder los, wie ein Schulmädchen, das bei seiner ersten Liebkosung ertappt worden ist. »Nächstes Jahr gibt es wieder Urlaub«, sagte Heinz und lächelte seine Frau an. »Aber nicht in Venedig.« Sie seufzte. Der Schein der Kerze in dem Windlicht auf dem Tisch der kleinen Cafeteria warf blitzende Funken in Inges blondes Haar. In ihren großen braunen Augen stand plötzlich Traurigkeit. Heinz griff nach ihrer Hand und hielt sie fest. »Nein, nicht Venedig«, sagte er, »aber vielleicht Spanien - denk doch mal, wir wollten schon immer einmal nach Spanien und haben es nie geschafft.« »Venedig«, sagte sie, »es war so schön.« Und leise fügte sie hinzu: »Vielleicht sehen wir es nie mehr wieder.« Heinz ließ ihre Hand los. »Nun, nun«, sagte er, und seine Stimme klang ein bißchen vorwurfsvoll, »nicht sentimental werden, Inge.« Sie hob den Kopf, lächelte ihn mit gewollter Fröhlichkeit an. Männer, dachte sie. Ganz verstehen werden sie uns Frauen nie. »Es war unser erster richtiger Urlaub - allein, meine ich. Nur wir beide.« »Von jetzt an fahren wir jedes Jahr weg«, versprach Heinz. Er hat sich so gut erholt, dachte sie und blickte ihn an mit den Augen einer Liebe, die noch nie erkaltet war, die noch nie gezweifelt hatte. Wie er dasaß! Aufrecht, straff. Das Jackett des hellen italienischen Anzugs, den er sich in der Nähe der Rialto-Brücke gekauft hatte, betonte seine breiten Schultern; die Sonne und der Wind der Lagune hatten sein Gesicht gebräunt, sein kurzgeschnittenes schwarzes Haar zeigte an den Schläfen den ersten silbernen Schimmer, was den männlichen Ernst seines Gesichts nur noch unterstrich. Und seine Wangen - klar hatten sich die Konturen herausmodelliert, das Weiche, Rundliche des jungen Heinz war verschwunden. Er war ein Mann geworden.

Termékadatok

Cím: Das wolkenlose Fenster [antikvár]
Szerző: Alexandra Cordes
Kiadó: Gustav Lübbe Verlag GmbH
Kötés: Ragasztott papírkötés
ISBN: 3404113195
Méret: 120 mm x 180 mm
Alexandra Cordes művei
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