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VORWORT
Für das zukünftige Schicksal der europäischen Völker und seiner Menschen wird es entscheidend sein, ob Europa ein Konglomerat mehr oder weniger widerstreitender Nationalstaaten bleibt oder ob es zu einem Organismus hölierer Einlieit zusammenwächst.
Technik und Industrialisierung, als geistige Leistung letztlich aus Europa geboren, haben mit verwandelnder Kraft, ohne vergleichbares Beispiel in der Geschichte, alle Völker und Kontinente einem erdumspannenden, vereinheitlichenden Zivilisationsprozeß einbezogen. Die Katastrophen zweier sich vor allem über Europa entladender Weltkriege haben die schon eingeleitete Eigenentwicklung der übrigen Erdteile in einem Ausmaß verstärkt und beschleunigt, daß es eine immer unheimlicher werdende, anachronistische Gcschichtsblind-heit bedeutet, wenn die Europäer keine Konsequenzen aus diesen unwiderruflichen Fakten ziehen.
In steigendem Maße aber hat sich in den Nachkriegsjahrcn gezeigt, welche Schwierigkeiten bei dem Versuch entstehen, dieses Europa von oben her organisieren und konstruieren zu wollen mit Konferenzen, Ministerbegegnungen, Komitees, Ausschüssen und parlamentarischen Abstimmungen.
Den Bemühungen der um Europa echt besorgten Staatsmänner muß vielmehr ein breiter Wachstumsprozeß von unten entgegenkommen, aus den Menschen und Völkern selbst heraus. In den einzelnen Menschen aller europäischen Völker muß sich cndlich das vorwiegend noch aus dem nationalen Kulturerbe geprägte Bewußtsein erweitern zu einem gemeineuropäischen: wir müssen den ganzen europäischen Kulturraum als unsere größere, uns tragende und bergende Heimat empfinden und erleben lernen.
Solches europäisches Bewußtsein läßt sich freilich weder durch einen Willensakt noch durch einen ethischen Entschluß erzwingen, denn es ist zutiefst an inhaltliche geistige Substanz, an Vorstellungen, Überzeugungen und innere Bilder gebunden. Das eigene Wesen muß das Wesen der europäischen Nachbarn mit begreifen, erfassen, umschließen. Dies bedeutet aber, daß die Entstehung solchen gcmeineuropäischen Bewußtseins ein echtes Kennenlernen der europäischen Völker untereinander in ihren Gehalten, ihrem kulturellen Erbe und gegenwärtigen geistigen Bestand zur Voraussetzung hat, ein Kennenlernen auch, das die üblichen verfälschenden Schlagworte und völkerpsychologischen Schablonen wegräumt und zu echter innerer Begegnung vorstößt.