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JEAN VANIER
DER ARME - WEG ZUR EINHEIT
Ansprache beim Eröffnungsgottesdienst der Vollversammlung des Weltrats der Kirchen
in Vancouver, Kanada am 24. Juli 1983
Sie haben mich gebeten,in dieser so schönen und einfachen Liturgie das Wort Jesu zu verkünden. Sie haben das getan, weil ich mit einem Volk lebe, das keine Worte hat, mit einem Volk, das ausgeschlossen ist von den Angelegenheiten dieser Welt, mit einem Volk, das abgeschoben und für verrückt erklärt worden ist, mit einem Volk, das so oft von der Frohbotschaft Jesu Christi ferngehalten wird.
Ja, ich erkläre mich solidarisch mit jenen, die ausgeschlossen sind wegen einer körperlichen oder geistigen Behinderung. Ich weiss mich eins mit ihren Eltern, die zutiefst leiden. Ich spreche im Namen derer, die kein Obdach haben, die in überfüllten Gefängnissen sitzen, abgeurteilt wegen politischer Aktivitäten,Kampf für den Frieden, Treue zu Jesus, gesetzeswidriger Handlungen; die in übergrossen Flüchtlingslagern, und als Emigranten auf fremder Erde leben. Ich spreche im Namen jener, die in die Welt der Drogen geraten sind, in die Sklaverei der Prostitution, an den Rand der Gesellschaft. Ich spreche für jene, die einsam sind, die Alten, die Hungernden, die Aussätzigen, die Kranken, die Sterbenden. Ich spreche im Namen der leidenden Kinder, besonders auch jener Kinder, die schon abgelehnt waren, bevor sie noch geboren wurden. Ich spreche im Namen all jener, die sich unnütz und unerwünscht fühlen, als Belastung für die Gesellschaft, als Aergernis für die Normalen, die Reichen. Ihr Herz ist verwundet, sie leben in Angst und Schuldgefühlen, weil niemand ihnen je gesagt hat, wie kostbar und wie wichtig sie sind.
Darf ich Ihnen von Paul erzählen? Paul ist heute 22 Jahre alt. Wir haben ihn vor einigen Jahren in einem Krankenhaus gefunden. Er ist blind und taub und hat einen erheblichen Hirnschaden. Mit 4 Jahren wurde er von seiner Familie Verstössen. Die Familie hat seine Krankheit nicht ertragen können. Er hat niemals die Worte gehört:"Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich meinen Wohlgefallen".Und gerade diese Worte sind so notwendig für die innere Sicherheit, für das Wachstum und den Frieden des KindesI Weil er nie eine liebende Beziehung gehabt hat, nie Vertrauen zu den Eltern haben konnte, hat er sich verbarrikadiert hinter dicken psychologischen Mauern: er ist erstickt am stechenden Schmerz der Angst, der Einsamkeit und der Schuld - dem schlimmsten menschlichen Leiden überhaupt. Ja, ich habe gesagt an Schuld, denn die Abgelehnten fühlen sich oft nur abgelehnt, weil sie meinen, sie sind nicht gut, weil sie meinen, sie sind böse.