Bővebb ismertető
Als Dramatiker hin ich ein unvermeidliches Mißverständnis.
Friedrich Dürrenmatt
1. Biographische und werkgeschichtliche Daten
1.1 Aspekte der inneren Biographie
„Er wurde geboren, arbeitete und starb" - mit diesem schon geflügelten Wort soll Heidegger eine Aristoteles-Vorlesung begonnen haben. Auch Dürrenmatt hat sich bisher standhaft geweigert, sein Privates preiszugeben, vermarkten zu lassen oder gar ,,schriftstellerisch zu verklären"!. Er habe keine Biographie, hat er auf die biographische Neugier seiner Leser geantwortet^. Von Heinz Ludwig Arnold zu einem Interview über seine Stücke gebeten, weitet er seine Schweigsamkeit auf seine Werke aus: Nur ein Kritiker könne meinen, er, Friedrich Dürrenmatt, sei identisch mit dem Verfasser jener Komödien, von denen die Theaterkritiker seit über dreißig Jahren geschrieben zu haben glauben.^
Diese Disziplin in der Selbstinterpretation gibt zu denken: Tatsächlich hat Dürrenmatt vieles zumindest über seine Stücke gesagt und geschrieben, sie kommentiert und glossiert, zudem wekan-schauliche, geschichtsphilosophische und ästhetische Stellungnahmen veröffentlicht, die von den Interpreten immer wieder auf die Werke projiziert worden sind. Dürrenmatts Selbstdistanz ermuntert dazu, den Biographismus suspekt zu finden und Selbstinterpretationen eines Autors zwar nicht zu übersehen, aber doch mit Vorsicht aufzunehmen: Sie widersprechen sich nicht selten, entstammen verschiedensten Lebenssituationen, sind oft aperguhaft zugespitzt, deshalb dem Mißverständnis besonders ausgesetzt, und an einen Kontext gebunden, von dem nicht abstrahiert werden kann.
Wenn es zutrifft, daß Dürrenmatts äußere Biographie ,,normal, durchschnittlich",'' kontinuierlich und ohne Sensationen verlaufen ist, dann soll sie uns hier nicht weiter interessieren. Chronographien finden sich an verschiedenen Orten.^ Wir beschreiben stattdessen einige Aspekte der inneren Biographie, die Dürrenmatt offensichtlich nicht für so durchschnittlich hielt, daß er ihretwegen seine biographische Schweigsamkeit nicht gebrochen hätte (in,,Dokumente" von 1965 und Stoffe I-III von 1981). Diese Selbstbesinnung dient nicht der dokumentarisch beglaubigten geschichtlichen Wahrheit,