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Wer bei der Kirche des Deutschen Ritterordens einbog, hatte nicht einmal zwei Minuten bis zu dem Eckhaus Seilerstätte und Annagasse zu gehen. Es lag in der Mitte des ersten Bezirks, und der erste Bezirk war das Herz von Wien.
Fast hundert Jahre bis zum gegenwärtigen Augenblick, dem 9. Mai 1888, hatte das Haus außer dem Parterre und Mezzanin drei Stockwerk^ gehabt. Kein solides Wiener Bürgerhaus war höher. Mit sieben Fenstern auf die sdimale Annagasse, mit sechs auf die breitere Seilerstätte schauend, matt gelbgrau getüncht, die Fassade im unverfälschten Stil der Maria-Theresien-Epoche, erweckte es einen stattlichen, wohlhabenden Eindruck. Wäre das Papiergeschäft nicht gewesen, das im Erdgeschoß prosaisch etabliert war, dann hätte man Seilerstätte Nummer 10 (denn der Haupteingang war auf der Seilerstätte) für das Stadtpalais eines Aristokraten halten können.
Dieser Eindruck wurde durch ein Steinwappen über dem Haupteingang verstärkt. Es bestand nicht aus Kronen, Fahnen und Turnierhandschuhen wie an den prinzlichen und gräflichen Häusern in der Nachbarschaft, sondern aus einem nackten Engel von der Art, die man in Wien Blasengel nannte. Er blies eine Posaune, diese Posaune war ein merkwürdiges Instrument. Mit einem dünnen langen Rohr, das der Steinmetz zu lang gemacht hatte — wie den nackten Arm, der sie hielt, zu kurz —, richtete sie sich empor wie ein Speer, und der schmale Teller an ihrem Rand trug auch nicht viel dazu bei, sie als Trompete erkennen zu lassen; eher sah sie wie eine Waffe aus. Der Engel allerdings, an dem man einen Flügel, den rechten, und den dicksten Körper sehen konnte, der je auf rundgeballten Steinwolken geschwebt hatte, war ein richtiger österreichischer Barockengel. Er bUes aus beiden vollen Backen.
Daß es die Absicht dieses Wappens war, dem Haus
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