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Alexander Solschenizyn, Nobelpreisträger des Jahres 1970, war noch vor sieben Jahren außerhalb seines Landes ein weithin unbekannter Mann. Der erste Band des Wilpertschen Lexikons der Welditeratur (erschienen 1963) verzeichnet ihn nicht - und er konnte ihn auch gar nicht verzeichnen. Erst 1962 wurde Solschenizyn durch den Chefredakteur der größten sowjetischen Literaturzeitschrift Noioyj Mir, Alexander Twardowskij, »entdeckt« und die westliche Welt wurde auf diesen Schriftsteller erst aufmerksam, als sein Roman >Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch< im gleichen Jahr in einer einzigen Nummer von Nowyj Mir erschien. Er wurde bald darauf auch in Übersetzungen im Westen veröffentlicht. Heute, nach nur acht lahren ebenso intensiver wie durch äußere Umstände behinderter literarischer Tätigkeit, gilt Solschenizyn als der bedeutendste lebende sowjetische Schriftsteller.
Alexander Solschenizyn wurde am 11. Dezember 1918 in Kis-slowodsk im Kaukasus geboren. Seine Jugend verbrachte er in Rostow am Don. 1941, nach Abschluß eines Mathematik- und Physikstudiums und kurzer Lehrtätigkeit, wurde er zur Armee eingezogen; vor Leningrad befehligte er eine Artilleriebatterie. Solschenizyn wurde zweifach ausgezeichnet, zum Offizier befördert, und er hätte den >Großen Vaterländischen Krieg< wohl - in einem offiziellen Sinne - ehrenvoll überstanden, wenn er in Feldpostbriefen Stalin nicht mangelhafter strategischer Fähigkeiten und einer >ungebildeten Ausdrucksweise< geziehen hätte. Der Abschirmdienst >Smersch< fing diese Briefe im Februar 1945 ab. Solschenizyn wurde in Ostpreußen verhaftet, ins Moskauer Lubjanka-Gefängnis gebracht und ohne Prozeß von einer »Besonderen Kommission« zu acht Jahren Straflager verurteilt. Dieses Strafmaß reizt zu Zahlenspielen und zu Überlegungen darüber, wie sich eine bestimmte Zeitspanne innerhalb eines Lebens nutzen läßt oder der Nutzung nach freiem Willen entzogen werden kann; das Strafmaß entspricht der Zeit, die Solschenizyn brauchte, um seinen literarischen Ruf zu begründen und zu festigen.
Eine Haftzeit >legitimiert< sich nicht nachträglich dadurch, daß sie ein Bestandteil von Literatur wird. Eine Haftzeit läßt sich auch nicht gegen erhöhte literarische Produktivität nach einer Periode erzwungener Unproduktivität aufrechnen, selbst wenn das Schreiben über einen reinen Bewältigungsprozeß hinausführt. Solschenizyns Werk ist durch das Thema Lager bestimmt, aber es sublimiert seine Lagererlebnisse nicht; sein Zweck ist nicht das private >Fertigwerden< mit einer grausamen Erfahrung.