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Der gefangene Kardinal [antikvár]

Christine Arnothy

 
Der Kardinal zögerte einen Augenblick. Dann legte er die rechte Hand auf das Fernglas. Durch die Berührung wurde er in Versuchung geführt, eine Regel zu durchbrechen, die er sich selbst auferlegt hatte: die Straße nicht vor acht Uhr zu betrachten. Er blickte auf seine Uhr: eine Minute vor acht. Er stieß einen tiefen Seufzer aus, hob das Glas an seine Augen und sah durchs Fenster. Der Militär-Lkw, seit vielen Jahren derselbe, stand vor dem Grundstück. Ein Soldat, den Ellbogen auf das Steuer gestützt, schlief noch. Ein anderer vertrat...
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Der Kardinal zögerte einen Augenblick. Dann legte er die rechte Hand auf das Fernglas. Durch die Berührung wurde er in Versuchung geführt, eine Regel zu durchbrechen, die er sich selbst auferlegt hatte: die Straße nicht vor acht Uhr zu betrachten. Er blickte auf seine Uhr: eine Minute vor acht. Er stieß einen tiefen Seufzer aus, hob das Glas an seine Augen und sah durchs Fenster. Der Militär-Lkw, seit vielen Jahren derselbe, stand vor dem Grundstück. Ein Soldat, den Ellbogen auf das Steuer gestützt, schlief noch. Ein anderer vertrat sich mit umgehängter Maschinenpistole die Beine; er gähnte. 1970 war der Lkw noch hin- und hergefahren. Er verschwand am Abend und machte der Ablösung Platz. Aber seit sechs Jahren blieb der Lkw, angefressen von Regen und Schnee, unbeweglich vor der Botschaft. Ein Pobieda mit Verdeck tauchte auf. Zwei Soldaten stiegen aus. Die Nachtwache fuhr den Pobieda ab; die Tageswache richtete sich für ihren Dienst vor der amerikanischen Botschaft ein. Es klopfte leicht an der Tür. Janos, seit sieben Jahren sein Kammerdiener, trat ein. Ich wünsche Ihnen ehrerbietig guten Tag, Eminenz .. Janos senkte demütig den Kopf. Als alter Bauer, abergläubisch und gläubig zugleich, brachte er seinem Herrn tiefe Ehrfurcht entgegen. Gott segne dich, Janos", sagte der Kardinal und erhob sich. Die Stunde der Messe nahte. Er hatte nicht die Angewohnheit zu schwatzen, bevor er sie zelebriert hatte. Janos öffnete den Schrank und holte den Meßornat heraus. Er kleidete den Kardinal mit beinahe mütterlichen Gebärden an. Das lange, fransenbesetzte Seidenband legte der Kardinal selber vor seiner Brust über Kreuz. Janos nahm schließlich das Meßgewand und ließ es über den geschwächten Körper gleiten. Als der Kardinal fertig war, verließ er sein Zimmer; Janos folgte ihm. Eine breite Galerie erstreckte sich vor ihnen. Der dicke Purpurteppich verschluckte das Geräusch ihrer Schritte. Die Wände zu beiden Seiten waren mit Porträts von Staatsmännern und seit langem verschwundenen Generälen bedeckt. n

Termékadatok

Cím: Der gefangene Kardinal [antikvár]
Szerző: Christine Arnothy
Kiadó: Erich Pabel Verlag KG
Kötés: Ragasztott papírkötés
Méret: 110 mm x 180 mm
Christine Arnothy művei
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