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KIRCHENFENSTER FÜR ST. STEPHAN
Farbige Kirchenfenster für die St. Stephanskirche - daran hätte niemand zu denken gewagt! Wußte man doch um die trotz Wiederaufbau noch verbliebenen Kriegsschäden, die auf viele Jahre hinaus gebäudeerhaltende Restaurierungsarbeiten erfordern würden. Doch zu Beginn des Jahres 1973, bei der Planung der Restaurierung des frühgotischen Ostchores von 1290, ergab es sich, daß die Notverglasung der Nachkriegsjahre entfernt werden mußte, um die an den Maßwerken erforderlichen Steinmetzarbeiten durchführen zu können. Damals tauchte der Gedanke auf, den im Blickpunkt aller Gottesdienstbesucher liegenden Fenstern des Ostchores eine der Architektur entsprechendere Verglasung zu geben. Wichtig war, an die geschichtliche Bedeutung unserer Kirche zu denken. Um 990 war das Stift St. Stephan auf Anregung des heiligen Erzbischofs von Mainz und Erzkanzler des Reiches, Willigis, von Otto III. errichtet worden. Willigis erbaute eine doppelchörige Basilika im ottonisch-vorromanischen Stil. Die Stiftsherren, eine Gemeinschaft von Weltpriestern, hatten die religiös-politische Aufgabe, in Meßfeiern und Chordienst für das Reich zu beten. So war St. Stephan die Bestimmung gegeben, Gebetsstätte für das Reich zu sein, in dem zur damaligen Zeit ein großer Teil Europas vereint war. Dem Wunsch des Willigis entsprechend, dem die Geschichte den Ehrennamen »Vater des Kaisers und des Reiches« gab, wurde St. Stephan nach seinem Tode am 23. Februar 1011 zur Grabeskirche des Heiligen, einer der großen europäischen Gestalten des Mittelalters.
Um 1200 muß die Willigisbasilika baufäUig geworden sein. Auf ihren Grundmauern wurde, beginnend mit dem Ostchor, zwischen 1290 und 1338 eine gotische Hallenkirche erbaut, deren Mittelschiff, Seitenschiffe und Querhaus die gleiche Höhe haben. Diese Bauweise bringt es mit sich, daß dem Raum eine einzigartige Lichtdurchflutung zu eigen ist, die durch die Hügellage der St. Stephanskirche zusätzlich begünstigt wird. Jeder Sonnenstrahl, der nach Mainz kommt, fällt durch eines der 19 großen Fenster in den Kirchenraum. Für Glasmalerei sind somit beste Lichtverhältnisse gegeben. Der Mensch braucht Symbole. Die Fähigkeit, ihre Sprache zu verstehen, hat durch Rationalismus, einseitiges Zweckdenken bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Pflege des Gemütes, sehr gelitten. Um so wichtiger ist es, den Menschen des 20. Jahrhunderts ansprechende Symbole zu schaffen, die verkümmerte Symbolfähigkeit neu zu beleben. Schon von ihrer gotischen Architektur her ist die St. Ste-phanskirche ein machtvolles Symbol, in Stein geformte Anbetung und zugleich Andeutung des Kommenden, des himmlischen Jerusalem. Vielleicht hat es kein Baustil so gut wie die Gotik verstanden, den Menschen von der Bauweise her zur Besinnlichkeit zu führen, Gedanken, Gemüt und Herz im Aufstreben der Dienste, Spitzbögen und Maßwerke auf Gott hin zu lenken, den Besucher zur Andacht zu stimmen. Sollte da nicht die Gelegenheit genützt werden, die schon im Gotteshaus gegebene Zeichen-haftigkeit durch Fenster mit großer Aussagekraft zu bereichern? Wie die St. Stephanskirche von ihrem Stiftungsauftrag her als Gebetsstätte des Reiches dem Frieden diente, so könnte in den Fenstern ein Symbol für den Frieden geschaffen, Friedensbotschaft ausgestrahlt werden.
Schwere Last der Geschichte, vor allem, aber nicht nur, der jüngsten von 1933 bis 1945, sind die grauenvollen Verbrechen, die an jüdischen Menschen begangen wurden. Ist es da nicht angezeigt, Zeichen zu setzen, welche die jüdisch-christliche Verbundenheit deutlich machen, zum Bewußtsein bringen, daß Jesus Christus, Maria, die Apostel dem Volk Israel entstammen, sich mit Selbstverständlichkeit der Heihgen Schriften des Volkes Israel bedienten, die auch von der Kirche immer in Ehren gehalten und im Gottesdienst gelesen wurden?
In der Geschichte der Stadt Mainz spiegelt sich die wechselvolle Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen. Nur zu oft standen sich die beiden Nachbarvölker feindlich gegenüber. Aber es fehlte auch nicht an Zeichen der Verbundenheit, gegenseitiger Befruchtung und Wertschätzung. Schon in ihrer Architektur erinnert die St. Stephanskirche an Frankreich, das Ursprungsland der Gotik. Zum Stephansschatz, als Leihgabe im Dommuseum, gehört ein Chormantel mit Goldornamenten, gefertigt aus dem Stoff des reichbestickten Krönungskleides der Kaiserin Josephine, der Gattin Napoleons I. Und zur Zeit der Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg war es dem Verständnis und Entgegenkom-