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Vorwort
Der Indische Ozean ist seit ältester Zeit ein gewaltiger Kultur- und Wirtschaftsraum, der seine Anrainer auf vielfältige Weise verbindet. Bereits der große französische Historiker Fernand Braudel, der das Mittelmeer als einen solchen Raum dargestellt hat, versuchte den Indischen Ozean ebenfalls der Aufmerksamkeit der Historiker zu empfehlen. In letzter Zeit haben Untersuchungen der Geschichte des Indischen Ozeans weltweit Beachtung gefunden. Es seien hier nur die jüngsten Arbeiten des niederländischen Historikers René Barendse und des australischen Historikers Michael Pearson als Beispiele dafür erwähnt.
Der voriiegende Sammelband, der aus einer Wiener Ringvoriesung des Sommersemesters 2004 hervorgegangen ist, soll einer Einführung in dieses faszinierende Forschungsgebiet dienen, ohne den Anspruch zu erheben, eine Gesamtdarstellung zu sein. Der Indische Ozean wird aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, die hier kurz skizziert werden sollen.
Am Anfang stehen zwei Beiträge, die die Perzeption des Indischen Ozeans vom Westen und vom Osten her vor Augen führen. Dietmar Rothermund zeigt, wie sich die Welt dieses Ozeans von der Antike bis zur frühen Neuzeit westlichen Reisenden und Gelehrten erschloss. Der Begriff des »Erithraeischen Meers« spielte dabei eine wichtige Rolle. Er bezog sich anfangs nur auf das Rote Meer und umfasste nach und nach in einem steten Bedeutungswandel den Ozean bis zur Küste Indiens. Europäer und Araber fügten ihre im Laufe der Jahrhunderte gemachten Beobachtungen zu einem eindrucksvollen Bild zusammen. Als dann die Portugiesen versuchten, den großen Ozean ihrer Seemacht zu unterwerfen, hatten sie bereits eine sehr genaue Vorstellung von den strategisch wichtigen Stützpunkten an seinen Küsten, die es zu besetzen galt. Eine ähnliche Entwicklung allmählicher Horizonterweiterung stellt Roderich Ptak aus chinesischer Perspektive dar. Er zeigt, wie der Begriff vom »Südmeer«, der sich zunächst auf das Meer vor der chinesischen Küste bezog, einen Bedeutungswandel erlebte und sich auf weite Gebiete des östlichen Indischen Ozeans erstreckte. Noch ehe die Portugiesen im Indischen Ozean erschienen, durchquerten große chinesische Flotten diesen Ozean bis hin zur afrikanischen Küste.
Im Westen des Ozeans waren die arabischen Seefahrer, die ihre Handelsnetzwerke schließlich bis nach Südostasien ausdehnten, von großer Bedeutung. Nach ihrer Bekehrung zum Islam wurden sie dann zu Boten der neuen Religion, die sich auf dem Seeweg noch rascher ausbreitete als durch die Eroberungen islamischer Herrscher in Afrika und auf dem eurasiatischen Kontinent. Ulrike Freitag hat diese Entwicklung anhand ausgewählter Netzwerke arabischer Händler dargestellt. Die Portugiesen verdankten den Arabern viele nautische Kenntnisse, die es ihnen ermöglichten, schließlich selbst den Seeweg nach Indien zu finden, um den arabischen Zwischenhandel auszuschalten. Peter Feldbauer ist den Spuren der Portugiesen gefolgt, die auch für die Niederiänder und Briten wegweisend blieben, welche ihre Voriäufer bald übertrafen. Neben Indien war es dabei bald auch Südostasien, das wegen der Vielfalt seiner kostbaren Gewürze die Europäer anzog. Diesem bedeutsamen Grenzbereich des Indischen Ozeans ist der Beitrag von Bernhard Dahm gewidmet.