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V J_Js war vor vier Jahren, als ich beim Aufraumen meiner Bibliothek auf ein altes und vergilbtes Exemplar der Liebesbriefe Napoleons" stiefi - zusammengestellt und herausgegeben von einer Gertrude Kircheisen, verlegt im Verlag Morawe & Scheffelt zu Berlin im Jahr 1912. Meine Grófimutter hatte mit Bleistift ihr Monogramm auf eine der vorderen Seiten gekritzelt; ich kannte es von diversen Stickereien in Taschentüchern und Bettzeug. So abgegriffen, wie das Buchexemplar war, müssen sie wohl sehr beliebt gewesen sein, diese eigenwilligen Liebesergüsse Bonapartes, hundert Jahre nach ihrer Entstehung: ein Sóidat schrieb da seinen Herzensdamen Josephine Beauharnais, Maria Walewska, Desiree Clary und Marie-Louise Habsburg. Beim Blattéra stiefi ich allerdings noch auf etwas anderesE- in der Mitte des Buches, zwischen den Seiten: auf eine Feldpostkarte. Gestempelt: Polen, Mai 1915. Darauf ein vorgedruckter Text in neun Sprachen, auch in cyrillischer Schrift. Er lautete: Ich bin gesund und es geht mir gut." Darunter ein Vermerk: Auf dieser Karte darf sonst nichts mitgeteilt werden." Unterschrieben von meinem Grofivater. Spater fand ich noch andere Karten; auch ausführlichere. Auf den Hinterseiten waren jeweils bunte Motive abgebildet, Patriotismus auf 15 mai 10 Zentimetern: Weihnachten 1915 im Felde", Österreicher im Angriff auf feindliche Infanterie, St. Georg mit uns" - darauf der Heilige, er selbst, doch tatsachlich mit k. u. k. Ulanen bei der Attacke - und eine Karte mit dem hinkenden Vers: Österreichs Adler steigt empor, es ertönt der Ruf im Chor: Uns're Fahnen siegreich weh'n, Österreich wird ewig steh'n." So war alsó der alte Napoleon-Schmöker doch noch zu etwas gut: Als Aufbewahrungsort für Botschaften über ein halbes Jahrhundert hinweg, ein herausgerissenes Stück Leben aus dem Meer der Vergessenheit. Im gleichen Jahr unternahm ich eine Fahrt in die italienische Hafenstadt Triest; für Österreicher immer eine nostalgische Reise. Von dort führte mich der Weg nach Duino, wo Rainer Maria Rilke seine Elegien geschrieben hatte; und dann nordwarts, den Karst entlang bis Görz. Hier irgendwo hatten der Grofivater, die Onkel und die Cousins der Grofimutter gekámpft, damals 1915, 1916, 1917... und hier mufi der eine oder andere wohl auch begraben liegen. Wie fast alle Österreicher bin ich eine k. u. k. Mischung. Die Familie meines Grofivaters vaterlicherseits kam aus dem nördlichen Waldviertel: es waren Bauern und Fleischhauer aus der Gegend der Stadt Weitra, die vor 1918 an keiner Grenze lag, sondern das Tor nach Südböhmen, hinüber nach Budweis, Tábor und Prag darstellte. Die Familie meiner Grofimutter vaterlicherseits stammte aus Mahren und Wien; und einer aus diesem Zweig war Oberst im k. u. k. Mahrisch-Galizischen Festungsartillerieregiment Nr. 2, das in Krakau lag; bei Kriegsbeginn 1914 wurde er Kommandant der 5. Festungsartilleriebrigade in Cattara im südwestlichen Dalmatien. Mein Grofivater mütterlicherseits hingegen stammte aus dem slowenischen Cilii, die Grofimutter