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D erMeister von Naumburg—für unsDeutsche ist er in dem langenZeitraum zwischen
Antike und Neuzeit der Größte, der schöpferischeste Genius unter den abend*
ländischen Bildhauern. Daß wir keinen Franzosen, keinen Italiener, sondern einen der
Unseren hier nennen dürfen, ist unser Stolz. Wie aber erweist er sich uns denn —
könnte gefragt werden —, überhaupt als ein Deutscher, er, der doch seine Kunst im
französischen Westen gelernt hat und der zu denen gehörte, die einen auf fremdem
Boden gewachsenen Stil, die Gotik der Isle de France, gegen die ihrem Ursprünge
nach zweifellos deutschere Spätromanik des frühen 13. Jahrhunderts, zur Herrschaft
bei uns geführt haben? Was wissen wir denn überhaupt von ihm, diesem Namenlosen?
Keine Urkunde, kein überliefertes Wort, nur Steine künden von ihm, jene Steine,
die er selber gemeißelt. So überzeugend aber fand in seinen Bildwerken deutsches
Wesen Gestalt, daß ein Zweifel an seinem Volkstum nicht möglich ist. Gewiß, noch
gibt es der Zweifel genug, indem etwa dies bereits strittig ist, ob es überhaupt ein
Mann war, dem wir die Bildwerke des Stifterchores und des Lettners in Naumburg
verdanken und nicht etwa mehrere: ein Eckehartmeister, ein Wilhelmmeister, ein
Lettnermeister oder wie man sie genannt haben mag. Über Fragen wie diese wird die
kunstgeschichtliche Erörterung voraussichtlich nicht so bald zu einer Übereinkunft
gelangen. Wie dem aber auch sei, unbestritten und unbestreitbar ist, daß in Naumburg
Allerdeutschestes seine Wesensprägung gefunden hat. Nur aus unserem eigenen Blute
heraus konnte Gestalt gewinnen, was in solcher Art deutsche Züge trägt.
Dies ist das Beglückende und das, was von Jahr zu Jahr wachsende Scharen deut*
scher Besucher nach Naumburg führt, daß wir hier, in den von der Hand des Bildhauers
geformten Menschenbildern ein Wesentliches von uns selbst wiederfinden, etwas, was
wir auch als nur uns Deutschen eigentümlich nachzuweisen imstande sind. Hier erleben
wir, welche Begnadung es ist, wenn höchste Meisterschaft dem Menschentum eines
großen Volkes — und fügen wir gleich hinzu: einer großen Zeit auch, der ritterlichen —
gültig und überzeugend, dabei aber ohne jedes reflektierte Wissen, ohne programm*
matische Absicht, Gestalt gibt. Wie selten sind doch die geschichtlichen Augenblicke,
in denen bei uns dergleichen vermocht wurde!
Gerade im 13. Jahrhundert freilich stand Naumburg durchaus nicht allein. Als
nicht weniger, wenngleich auf eine andere Weise deutsch, wird man auch noch weitere
Bildwerke der Zeit nennen müssen: den Reiter und die Heimsuchungsgruppe in Barn*
berg, ferner Ekklesia und Synagoge und den Weltgerichtspfeiler im Straßburger
Münster. Wie der Stifterzyklus von Naumburg sind diese Werke teilweise deutsch schon
in einem: der Einmaligkeit der jeweiligen künstlerischen Aufgabe und ihrer Lösung.
Man muß sich klarmachen, wie ganz anders es damals in Frankreich stand, woher
doch die Schöpfer jener Werke, die Größten unter den Bildhauern der deutschen Früh*
gotik, alle gekommen. Dort im Westen ist das Hochmittelalter mehr als irgendwo an*
ders das Zeitalter der Kathedralen und der großen an ihnen sich entfaltenden zyklischen
Bildprogramme gewesen. Nirgends im damaligen Europa hat das, was zumal in dem
nordfranzösischen Kernlande der Gotik seit etwa 1200 in einigen wenigen Jahrzehnten
geschaffen wurde, an Fülle und Reichtum seinesgleichen gehabt. Auf den großen Bau*
plätzen entstanden dort ganze Wälder von Bildwerken, die dann im Zusammenhange
des Kirchenbaues selber, in den hinein sie von Anfang an geplant waren, in überleg*
tester Ordnung zusammengefaßt und gegliedert wurden. Nach Hunderten, wenn nicht