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I. KAPITEL. Nicht das Erinnerungsvermögen, sondern gerade sein Gegenteil, die Fáhigkeit, zu vergessen, ist eine notwendige Bedingung mensclilichen Daseins. Wenn die Lehre von der Seelenwanderung wahr ist, müssen die Seelen, wenn sie von einem Körper in den anderen hinüberwechseln, durch das Meer des Vergessens hindurchgehen. Nach jüdischer Ansicht geschieht dieser Übergang unter der Hochgewalt eines Engels, der heiBt Engel des Vergessens. Zuweilen aber begibt es sich, daB der Engel des Vergessens selber die Spuren der früheren Welt aus unserem Gedáchtnis zu tilgen vergiBt, und dann gespenstern in unseren Sinnen fragmentarische Erinnerungen an ein anderss Leben. Sie treiben wie zerrissene Wolken über die Hügel und Táler der Seele, seltsam in die Geschehnisse unseres Alltags verwoben. Von Wirklichkeit umhüllt, treten sie in Gestalt von Alptráumen hervor, die uns in unseren Betten besuchen. Das ist dann nicht anders, als lauschte man grade einem Radiokonzert und hörte plötzlich eine fremde Stimme eindringen, die von einer anderen Átherwelle fernher getragen wird und mit einer anderen Melodie beladen ist. Ich stand vor der Tür und konnte trotz des Halbdunkels, das im Korridor herrschte, die mit Kreide hingemalten drei Buchstaben I. H. S. lesen, ein Umstand, der seinen Eindruck auf mich nicht verfehlte und mich nicht darüber im Zweifel lieí3, daB hier ein Christ wohnte, genauer gesagt, ein Katholik. Er selbst öffnete mir die Tür. Muffige Luft strömte mir entgegen, Luft, durchsáttigt mit dem Meltau altér, seit langem aufgeháufter Dinge und faulenden Papiers. In der Düsternis, die an diesem feuchten und bewölkten Ahend im Vorzimmer herrschte, wurde ich mehr durch das Gefühl als durch den Blick die von Energie erfüllte Gestalt, die da vor mir stand, gewahr. Er war nun keineswegs kraftvoll und imponierend, nein, im Gegenteil, er war klein und