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Ein Wunder ist der Nil
Zum erstenmal sah er den Nil im Jahr 941 n.Chr., der arabische Geograph Abu Hasan Ali Ibn AI Husain Ihn Ali, bekannt unter dem Namen Masudi. Er hatte alle Flüsse der damals bekannten Welt erlebt, auch die Ströme Indiens und Mesopotamiens. Hatte er den Ganges sowie Euphrat und Tigris bisher für majestätiscli gehalten, so mußte der weitgereiste Weise sein Urteil revidieren: Für ihn war nun der Nil der „König aller Flüsse". Er schrieb diese poetische Schilderung des Stromes auf: „Der Nil ist ein Wunder. Drei Monate des Jahres ist das Land an seinem Ufer eine silbrig schimmernde Perle. Drei Monate ist das Land schwarzer Moschus, drei Monate ein dunkelgrüner Smaragd und drei Monate ein Barren reinen Goldes."
Masudi erläuterte seine Beobachtung selbst: „Eine silbrig schimmernde Perle ist das Land am Nil in den Monaten Juli, August und September, wenn es von der Flut des Flusses überschwemmt ist: wenn die auf allen Seiten vom Wasser umgebenen Gehöfte und Dörfer auf ihren Erhebungen und Hügeln den Sternen gleichen, wenn die Häuser nur noch mit Booten erreichbar sind. Schwarzer Moschus ist das Land am Nil während der Monate Oktober, November und Dezember, wenn das Wasser in das Flußbett zurücktritt und einen schwarzen Boden hinterläßt, in den die Bauern die Saat legen. Aus diesem schwarzen Boden strömt ein starker Geruch, der dem Duft des Moschus gleicht. Ein dunkelgrüner Smaragd ist das Niltal in den Monaten Januar, Februar und März, wenn ihm die überall sprießenden Gräser, die Pflanzen der Felder und die Blätter der Bäume den Glanz dieses Edelsteins verleihen. Und ein Barren roten Goldes ist Ägypten in den Monaten April, Mai und Juni, wenn die Saat reift, wenn Gräser, Pflanzen und Baumblätter eine rötliche Färbung annehmen. Dann gleicht das Land am NU, vom Anblick wie vom Nutzen her, dem Golde. Ein Wunder ist der Nil."
Wo der Ursprung dieses Wunders zu finden ist, war noch bis in die Zeit unserer Urgroßväter ein Rätsel. Dabei hatten sich fast tausend Generationen in der Geschichte der Menschheit darum bemüht, das Rätsel zu lösen. Auf die Kenntnisse anderer, die vor ihm gelebt hatten, konnte sich der griechische Geograph und Historiker Herodot berufen, der im 5. Jahrhundert v.Chr. auf Schiffen der Einheimischen nilaufwärts bis zu den Stromschnellen des ersten Katarakts fuhr. Herodot hatte das Gefühl, dort beginne die Hölle. Wasserwirbel und Hitzestürme jagten ihm Schrecken ein. Männer, die in Hütten beim Katarakt lebten, erzählten dem Geographen von Schiffen, die zerschellt und für immer im Strudel untergegangen seien - sie berichteten auch von Menschen, die von der Hitze in den Wahnsinn getrieben wurden. Doch diese Männer wußten auch Absonderiiches zu berichten. Herodot wunderte sich: „Die Leute behaupten, der Nil fließe aus schmelzendem Schnee heraus!" An Schnee und Eis in Afrika konnte Herodot nicht glauben: „Denn der Nil strömt zuerst durch heiße Gebiete, um dann kühlere Gegenden zu erreichen. Wer kann bei diesem unbestrittenen Sachverhalt annehmen, der Nil fließe aus schmelzendem Schnee heraus?"
Vier Jahrhunderte später, also knapp vor der Zeitenwende, glaubte der griechische Schriftsteller Diodor, den Ursprung des großen Flusses umgebe ein unlösbares Geheimnis: „Das Wasser fließt aus der Finsternis herauf."
Links: Ein Relief vom Tempel der Hatschepsut in Luxor.
Wiederum zwei Jahrhunderte später besaß der Geograph Ptolemäus bereits präzises Wissen über den Verlauf des Nils bis zur Gegend der heutigen sudanesischen Hauptstadt Chartum. Richtig erkannt hat Ptolemäus, daß sich der Nil dort aufspaltet. Er glaubte allerdings, die beiden Gewässer seien Arme desselben Flusses; sie würden eine Insel umschließen. Über die Herkunft des Wassers wußte er zu berichten: „Aus den Mondbergen fließt der Nil herunter, die sich mitten im finsteren Afrika befinden. Diese Mond-berge sind für immer und ewig mit Schnee bedeckt."
Die Existenz von Schnee und Eis auf den Bergen Afrikas wurde nun nicht mehr bezweifelt, denn ein griechischer Kaufmann hatte sie gesehen: Er hatte sich auf dem Heimweg befunden von Indien her; an der Ostküste Afrikas war er an Land gegangen und zu Fuß weitergewandert, an einem hell schimmernden gewaltigen Schneemassiv vorüber. Allerdings wußte dieser griechische Kaufmann nichts darüber zu sagen, ob in jenem weißen Gebirge auch der Ursprung des Nils zu finden sei.
Kaiser Nero befahl, das Rätsel müsse gelöst werden. Zwei Hundertschaften des römischen Heeres sollten auf dem Fluß nach Süden rudern, bis ihr Kommandeur erkennen könne, daß ein weiteres Fortkommen nicht möglich, die ganze Länge des Nil durchmessen sei. Das weitere Fortkommen der Boote war schon im Süden des heutigen Staates Sudan nicht mehr möglich: Sie blieben in den Nilsümpfen stecken. Die meisten der römischen Soldaten starben an fiebrigen Krankheiten. Nur wenige kehrten in kühlere Gegenden zurück. Die Überiebenden erzählten, der Nil entspringe direkt in der Hölle. Seine Quelle werde von Teufeln bewaclit. Kein Sterblicher könne es wagen, dorthin vorzudringen, denn der Tod sei ihm sicher.
Zu ganz anderer Ansicht gelangte der Mönch Gregor von Tours, der im 6. Jahrhundert n.Chr. lebte; „Der Nil entspringt direkt im irdischen Paradies, das sich am äußersten Ende der