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Trauer über Saigon
Ho Tschi Minh-Stadt, August 1976
Der Monsunregen fiel ohne Unterlaß seit dem frühen Morgen. Der Blick auf den Saigon-Fluß war durch die modrige Feuchtigkeit verschleiert. Nur wenige und schlecht gepflegte Frachter geringer Tonnage lagen am Quai, wo während des Krieges das Rot-Kreuz-Schiff »Helgoland« auf diskrete Weise die deutsche Flagge gezeigt und eine Solidarität mit den Amerikanern bekundet hatte, die im Laufe des allgemeinen Stimmungsumschwungs immer zurückhaltender wurde. Die ersten spärlichen Lichter gingen an und spiegelten sich im nassen Pflaster der Rue Catinat. So hatte die elegante Geschäftsstraße von Saigon unter den Franzosen geheißen, ehe sie unter dem Namen »Tu-Do«, »Straße der Unabhängigkeit«, zum Bar- und Bordellviertel der Amerikaner wurde. Jetzt war sie von den roten Siegern aus dem Norden in »Straße der Freiheit«, in »Dong-Khoi« umgetauft worden, und die Südvietnamesen fragten sich, um welche Volkserhebung es sich wohl gehandelt habe.
Wir waren als wesdiche Besucher von den neuen kommunistischen Behörden in das Hotel »Majestic« eingewiesen worden. Im »Continental«, das in den langen Jahren des ersten und des zweiten Indo-china-Krieges den Korrespondenten aus aller Welt als Heerlager gedient hatte, waren nunmehr die Parteifunktionäre und -bonzen aus Hanoi einquartiert. Die Terrasse des »Continental«, einst Treffpunkt, Nachrichtenbörse und Liebesmarkt einer lärmenden Journaille, war neuerdings durch Eisengitter gegen die Öffendichkeit abgeschirmt, hinter denen die Apparatschiks des neuen Regimes ihre schmalen Privilegien genossen. Von meinem Hotelfenster im »Majestic« schweifte der Blick über die endlosen Mangroven-Sümpfe, durch die der Saigon-Fluß sich wie eine fette, gelbe Schlange wand.