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VERDIS KÜNSTLERISCHE WELTANSCHAUUNG
Gründe verfälschender Darstellungen
Im Schlußkapitel seines ausgezeichneten, dokumentarisch begründeten Verdi-Buches spricht Karl Holl mit Recht von der ungenauen Überlieferung und skandalösen Entstellung der Opernwerke Verdis, um deren möglichst vollkommene Wiedergabe sich der Erneuerer der italienischen Oper sein langes Leben lang mit unermüdlichem Eifer bemüht hatte: Verfälschungen des Urtextes, Verstümmelungen des Werkbildes durch leichtfertiges Streichen, fehlerhafte Übersetzungen in deutschen Bearbeitungen, Willkür der Dirigenten, Regisseure und Sänger. „Die Nachwirkung des Wissens von der Vorherrschaft des virtuosen Gesanges auf der italienischen Opernbühne begünstigte die Vernachlässigung aller anderen Ausdrucks- und Wirkungsfaktoren, vor allem auch der Mimik und des Bühnenbildes, die auf bequeme Art schabionisiert wurden", stellt Karl Holl treffend fest und beklagt, daß unter diesen Umständen nicht mehr zum Vorschein kam als „Räuberromantik" und „Drehorgelmusik".
Gesellschaftliche Zusammenhänge
Den gesellschaftlich bedingten Ursachen dieser Verdi-Verfälschungen, die bis heute noch keineswegs beseitigt wurden, ist bisher noch kein Verdi-Biograph nachgegangen. Sie sind nicht allein aus formal-ästhetischen Betrachtungen zu erkennen, etwa der Vorherrschaft des Wagnerischen Stilprinzips bis nach der Jahrhundertwende, sondern aus dem Wissen von den Entwicklungsphasen der imperialistisch-spätkapitalistischen Gesellschaft. Da den wohlhabenden Kreisen, die früher vornehmlich die Theater füllten, die Opernhäuser als Stätten des genießerischen Vergnügens, der Repräsentation und der Illusion galten, suchten die nachschaffenden Künstler unbedenklich den Wünschen ihres brotgebenden, kassenfüllenden Publikums nachzukommen. Die künstlerischen Absichten des italienischen Musikdramatikers Verdi, der in jeder seiner Opern ausdrücklich ein „dramma scenico-musicale" (ein szenischmusikalisches Drama) geschaffen hatte, kümmerte sie nicht. Seine Opern rangierten etwa neben dem verlogenen, sentimentalen „Trompeter von Säckingen" und mußten sich in ihrer lieblosen Aufmachung gefallen lassen, als „Schauerdramen mit Leierkastenmusik" verunglimpft zu werden. Der „maestro della rivoluzzione italiana", der sein Volk um die Mitte des vorigen Jahrhunderts im Kampf um die Einigung Italiens begeistert hatte, war längst vergessen, ebenso wie die große, revolutionäre Volksbewegung selbst, die durch Uneinigkeit und Verrat gescheitert war. Fafners Motto: „Ich lieg' und besitz'" beherrschte die kapitalistische Gesellschaft. Die Musik war zwar ins Volk gedrungen, dem sie entstammte, und hatte die Völker der Erde begeistert, doch die Bühnen taten genau das Gegenteil von dem, was ihr Erneuerer wollte.
Deutsche „Verdi-Renaissance"
Nach dem ersten Weltkrieg kamen Fachleute zu einer vertiefteren Erkenntnis. Jetzt erst setzte eine wissenschaftlichere Erforschung des