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Rudolf Borchardt - Der unwürdige Liebhaber [antikvár]

Der unwürdige Liebhaber [antikvár]

Rudolf Borchardt

 
Kurz nachdem die Franzosen das Sanktionsgebiet wieder geräumt hatten und hinter die alte Besetzungslinie zurückgegangen waren, entdeckte ein mit Frau und Kind auf seine überstürzt verlassenen Güter zurückkehrender Gutsbesitzer, ein Freihejr von Klingen, durch bestochene Dienstboten, eine seit geraumer Zeit fortgesetzte Untreue der Baronin mit einem Offizier des dort kantoniert gewesenen, bunt zusammengewürfelten deutschen Freikorps, dem aus Livland stammenden Hauptmann Konstantin von Schenius, und leitete sofort die Scheidung ein. Die...
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Kurz nachdem die Franzosen das Sanktionsgebiet wieder geräumt hatten und hinter die alte Besetzungslinie zurückgegangen waren, entdeckte ein mit Frau und Kind auf seine überstürzt verlassenen Güter zurückkehrender Gutsbesitzer, ein Freihejr von Klingen, durch bestochene Dienstboten, eine seit geraumer Zeit fortgesetzte Untreue der Baronin mit einem Offizier des dort kantoniert gewesenen, bunt zusammengewürfelten deutschen Freikorps, dem aus Livland stammenden Hauptmann Konstantin von Schenius, und leitete sofort die Scheidung ein. Die Verhandlungen wurden mit der Familie der Frau, ihrem an der badisch-württembergischen Grenze begüterten einzigen Bruder, dem Majorats- und Fideikommißherrn Moritz Luttring-Altmannstetten, in gegenseitig sehr rücksichtsvollen, weil gegenseitig nicht mehr empfindlichen Formen geführt, und dank dem menschenkundig heitern und überlegenen Eingreifen von Moritz' Frau, der durch Schönheit, Klugheit und Güte gleich ausgezeichneten Baronin Tina, einer geborenen von Scultetus aus Oberhessen, rasch zu dem einzig möglichen Ende, dem Verzichte Klingens auf das Töchterchen, geführt. Die Gatten hatten Eile, voneinander loszukommen. Klingen, der die kaum zwanzigjährige, damals für eine annehmbare Erbin geltende Steffi Luttring ohne Neigung geheiratet und mit der frischen und freimütigen, noch etwas formlosen Sportsblondine bald sehr gleichgültig gelebt hatte, befand sich in entwickelten Präliminarien nach anderer Seite und war heimlich schon bereit, für Zeitgewinn Gepäck zu opfern. Die Frau, nach der Entdek-kung kurz zusammengebrochen, dann mit dem sichern Ausblick auf Befreiung in ihrer besinnungslosen Leidenschaft doppelt hochfliegend, sah und hörte in sich nichts mehr als Vereinigung mit dem geliebten Manne; schon daß Konstantins Abwesenheit in seiner fernen Heimat, in Familienangelegenheiten, wie es hieß, einen Ehrenaustrag verhindert hatte und persönliche Zu- sammenstöße ausgeschlossen blieben, sah sie als glückliche Vorbedeutung an; von der eigenen Familie, zu der sie sofort heimgekehrt war, vor allem der von ihr zärtlich geliebten Stiefmutter, der kaum fünfzig Jahre alten verwitweten Baronin Euge-nie, erwartete sie weder Vorwurf noch Kritik noch auch nur Zu- und Abrät, sondern nur noch Mittel und Wege durch Schwierigkeiten, die auf ein Wort dahinfallen mußten. So begrüßte sie in dem gerichtsversiegelten Dokumente, das sie freisprach und nur zwischen den Zeilen schuldig sprach, und das sie an einem stürmischen Märztage in ihrem alten Rottgadener Mädchenzimmer tanzend ans Herz drückte, die Schenkungsurkunde eines neuen Lebens. Daß nichts im Leben uns geschenkt wird, und daß seine dauernden Gaben nicht unter so zweideutigen Zeichen über unsere Schwelle treten, wußte die ältere Frau auf ihrem Rottgadener Witwensitz genau genug, aber sie ließ sich daran genügen, einmal oder zweimal den Wermutstropfen der Erfahrung in das immer wieder ungestüm aufbrausende Glück fallen zu lassen. Liebe lag ihr näher, Schonung war ihr natürlich, zu Duldung hatten fünfzehn Jahre sie erzogen. Sie war als Hofdame gewöhnt gewesen, die Augen offenzuhalten, bis Alfred Luttring, schon ein Fünfziger und noch ein hoffnungsvoller Optimist, sie ihrer Herzogin abgekämpft und im Steigbügel seines letzten Lebensrausches mitgeführt, gezwungen hatte, diese schon kluggewordenen Augen wieder zu schließen. Nachdem sie ihn hatte zusammenbrechen sehen und ihm nachstürzen, was sie mit allen geteilt hatte und nun mit allen verloren, war sie gewohnt, ohne besonderen Unmut das geringste Übel als etwas sehr Annehmbares zu betrachten und ihm fast überhaupt die Stelle des Glük-kes auf Erden einzuräumen. Hierunter war sie halb geneigt gewesen, sogar die ärmliche Klingensche Ehe einzureihen. Klingen war ihr seinerzeit kein willkommener Bewerber gewesen. Er galt für einen stark schattierten Charakter, wurde von Korpsund Regimentskörpern mehr im Ganzen mitgeführt, in Klubs, Kammern und den Hotelhinterstuben der Marktstädte ohne Teilnahme besprochen, und insofern vielleicht ohne Gerechtigkeit, als er in niemand den Wunsch weckte, sich definitiv über ihn aufzuklären. Über Steffis Unrecht hatte ihr Gewissen, das nicht mit der Zeit gegangen war, in der Stille ein deutliches Wort

Termékadatok

Cím: Der unwürdige Liebhaber [antikvár]
Szerző: Rudolf Borchardt
Kiadó: Rowohlt Taschenbuch Verlag
Kötés: Ragasztott papírkötés
Méret: 120 mm x 190 mm
Rudolf Borchardt művei
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