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Vorwort
Richard Wagner ist eine Ausnahmeerscheinung. Unter allen Komponisten der Moderne war er die gewiß bedeutendste schriftstellerische Begabung und unter allen Schriftstellern der Moderne ohne Zweifel der größte Komponist. Für die Moderne bezeichnet sein Wirken den Auftritt eines neuen Künstlertyps, bei dem Kunstproduktion und kommentierende Reflexion auf eine symbiotische Weise zusammengehören, das eine ohne das andere nicht denkbar ist und die Verschränkung von Werk und Werkkommentaren zu einem einsamen, auch später nicht mehr erreichten Höhepunkt geführt wird. Daß Wagner darüber hinaus ein überdurchschnittlich gebildeter Künstler war, bewandert und kenntnisreich nicht nur in Literatur und Geschichte, sondern auch in Philosophie und Gesellschaftstheorie, einer, dessen Bildungs- und Lesewut sich immer in Reflexion wie Produktion umzusetzen suchte, wird demjenigen rasch deutlich, der sich in die zahlreichen und umfänglichen Schriften, in Briefe und Tagebuchnotizen vertieft. Aus ihnen spricht der geradezu unbändige Drang, sich die Welt auf eine eigene Weise anzueignen, sie sich schreibend und komponierend anzu-verwandeln, Entstehung wie Aufführung der selbstgeschaffenen Werke kommentierend zu begleiten und diese Werke einzufügen in einen weltanschaulich bestimmten Rahmen, der dafür sorgen soll, daß deren Interpretation und Rezeption nicht beliebig werden können.
Es ist bemerkenswert, daß Wagners Selbstkommentare zu seinen Werken häufig ebensowenig ernst genommen worden sind wie seine philosophischen und gesellschaftstheoretischen Schriften. Das zeigt ein selbst flüchtiger Blick in die kaum mehr überschaubare Fülle der Wagner-Literatur. Was überwiegend vorherrscht, ist die Geste der Relativierung, der immer wiederholte Hinweis, man solle das, was Wagner meint und schreibt, doch nicht für bare Münze nehmen, weil Widersprüche und Zweckbehauptungen offensichtlich seien, Wagner eher situativ denn systematisch denke; einer, von dem sich mit Gewißheit nur sagen lasse, daß er vor allem die eigene Person ins Zentrum all seiner Anstrengungen stelle, ein übersteigerter Egomane also, der sich in alles einmische, was immer dies auch sein mag.
Mf, 1 i •