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Wolf Spillner - Der Wald der großen Vögel [antikvár]

Der Wald der großen Vögel [antikvár]

Wolf Spillner

 
Zum Beginn In den höchsten, eben noch tragfähigen Zweigen schwebten die Horste der großen Vögel Der Winter stirbt. Aber er wehrt sich. Über Nacht ist der See fast völlig zugefroren. Aus dem Fenster sehend, finde ich die dreizehn nordischen Singschwäne nicht mehr an ihrer Lieblingsstelle vor dem Torfmoor. Sie haben sich zur letzten freien Wasserstelle aufgenommen. Da sind sie in der Gesellschaft der fünfzig Höckerschwäne, die zu früh in ihr Brutrevier zurückgekehrt sind. Sie halten sich gesondert von ihnen. Am Morgen stand der...
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Zum Beginn In den höchsten, eben noch tragfähigen Zweigen schwebten die Horste der großen Vögel Der Winter stirbt. Aber er wehrt sich. Über Nacht ist der See fast völlig zugefroren. Aus dem Fenster sehend, finde ich die dreizehn nordischen Singschwäne nicht mehr an ihrer Lieblingsstelle vor dem Torfmoor. Sie haben sich zur letzten freien Wasserstelle aufgenommen. Da sind sie in der Gesellschaft der fünfzig Höckerschwäne, die zu früh in ihr Brutrevier zurückgekehrt sind. Sie halten sich gesondert von ihnen. Am Morgen stand der klobige Seeadler, der seit einer Woche den ebenfalls verfrühten Bleßrallen am Sumpfsee nachstellt, auf dem Eis vor meinem Fenster. Und auf den Rapsäckern und den Weiden rings um den See gigacken die Graugänse. Grund also zur Freude genug! Es wird Frühhng trotz Frost in der Nacht. In der Mittagszeit ist auch er plötzlich da, der Silberhals, den ich seit Jahren sehe, einer erst von vielen aus dem Wald der großen Vögel. Das liegt nun schon Jahre zurück: Damals war mir, als madie mein Herz einen Sprung, Es saß sehr weit oben im Hals, es klopfte unvorschriftsmäßig laut. Nach langem Suchen war ich in eine andere Welt gekommen. Eben nodi über Feldraine gegangen, grobe Ackerkrume unter den Sohlen, durch Koppelzäune gekrochen und durch flaches, sonnenwarmes Wasser geplanscht, stand ich plötzlich in einem fremden, fernen Erdenwinkel. Das war nicht mehr mein Mecklenburg - nein, ich war in einer unbekannten, erregenden Wildnis. Silbersäulen uralter Buchen standen aus mannshohem Himbeerdschungel, Moderduft war da aus feuchtem Farnkrautboden und grünes Licht gegen blauen Seidenhimmel. Auf der großen Lichtung tanzte frischer Maiwuchs aus hartbraunen Lederhüllen. Über der Wildnis, über dem Gold und Grün lag ein unfaßbares Lärmen und Schreien. Es jaulte und quiekte, es klapperte, gellte und keckerte herab aus den hohen Wipfeln und der ferneren Tiefe des Waldes. Ein unwirkliches, atemberaubendes Konzert voller Dissonanzen. Schlank und silberhälsig standen die Graureiher in den Kronen der Buchen und Eichen. Sie gellten ihre Warnlaute zu mir herunter, und ihre Jungen in den Tiefen der schwarzklobigen Reiserburgen keckerten Stakkato dazu. Auf unsichtbaren Flugschneisen zogen die großen Vögel zu ihren Horsten heran - ein ständiges Kommen und Davonfliegen - hohlschwingig landend und polternd wieder auffliegend. Es war ein Bild märchenhafter Schönheit im frühen, goldenen Mailicht. Ich hatte gefunden, ivas ich suchte - den Wald der großen Vögel. Das war er, eine gell durchschrieene Wildnis, strotzend von Leben, infernalisch lärmend unter hohem Himmel. Ich \vußte sofort, daß ich hier nicht schnell wieder loskommen würde. Die Zeit ist vergangen seit jenem JMaitag. Zur ersten Begeisterung kam der Drang, zu wissen, wie das Leben in einer solchen Vogelkolonie wirklich ist. In Büchern Der erste Tag Zehn Monate lagen zwischen dem Maitag in der Reiherkolonie und jenem Märzsonntag, der erst Schnee, dann Regen und dann wieder Frost brachte. Es war ein ungemütlicher, häßlicher Winter wie oftmals in Mecklenburg. Regen brachte Matsch im Januar, Eiswind der Februar. Dann wieder wurde es viel zu warm, und die Haselsträucher im Grund vor dem Reiherwald dehnten ihre Blütenwürstchen. Die Kolkraben im Hochwald hinter dem Sumpfsee hatten ihre Flugbalz beendet. In der gut gepolsterten Horstmulde brütete die Rabenmutter schon auf dem vollzähligen Gelege. Um diese Zeit rasteten auf der weiten Feldmark Hunderte von Kiebitzen. Der wieder einsetzende Frost überraschte sie. Sie klaubten im Windschatten der dampfenden Dunghaufen spärliche Nahrungsbrocken hervor. Das Leben war schwer für sie um diese Zeit. Aber schon sangen die ersten Lerchen gegen Frost und plötzlichen Schnee. Auf den Telegrafenmasten zum Dorf klirrten Grauammern ihre noch unfertigen Lieder, Im Wald der großen Vögel hinter dem Dorf in der Senke hing seit drei Monaten die Riesentarnkappe im Wipfel der höchsten Buche, an der Westseite der großen Lichtung, umgeben von schwarzen, schwankenden Reiherhorsten. Die Winterstürme hatten sie gezaust, aber unversehrt gelassen. Das Segeltuchzelt da oben wartete auf mich. Ich wartete auf die grauen Reiher. Am großen See bei Schwerin waren sie zuerst. Sie fanden sich zu dem Einzelgänger, der es Jahr für Jahr vorzog, den Winter über im Land zu bleiben. Er stand auf den Duckdalben oder den Reusenpfählen, klein, grau und unscheinbar. Oder aber er mischte sich unter die Stockenten, die in der Nähe des Schlosses, eines großen Zuckerbäckerbaus, von den Menschen der Stadt gefüttert wurden. Aber er hielt Distanz. In seiner Art verfolgt und verfemt seit langen Zeitläufen, war dieser Reiher trotz seiner winterlichen Vorliebe für die Stadtnähe, die ihm wohl letztlidi auch das Durchkommen sicherte, ein vorsichtiger, scheuer Geselle. Als seine Verwandten von West und Südwest her zurückkamen, verschwand er nach ein paar Tagen. Ich wußte, wohin! Sein ruhiger, plump scheinender Ruderflug, der so ungemein fördernd ist, trug ihn gegen den nassen Nordwest über die Stadt, über die schmutzigweißen Felder, die Ausläufer der Endmoränen, bis hin zu seinem Heimatvvald der alten Buchen und Eichen. Er hatte es leichter als ich. Die Straße war noch gut befahrbar. Der Landweg hätte schon einen starken Traktor, aber besser noch einen Panzer erfordert, um zum Dorf zu gelangen. In Mecklenburg sind Gummistiefel zumindest im Frühjahr teilweise noch das beste Beförderungsmittel. Und damit zog icli dann von

Termékadatok

Cím: Der Wald der großen Vögel [antikvár]
Szerző: Wolf Spillner
Kiadó: VEB Deutscher Landwirtschaftsverlag
Kötés: Vászon
Méret: 190 mm x 280 mm
Wolf Spillner művei
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