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DER REVOLUTIONÄRE WIND . . .
In Paris auf dem Pere-Ladiaise schläft Honoré de Balzac gemeinsam mit anderen berühmten Franzosen und inmitten von Tausenden unbekannt gebhebener Landsleute. Der Pere-Lachaise liegt auf einem Hügel. Seine Gräber blidcen weit über die Stadt. Héloise und Abelard sind hier begraben, Musset, Moliere, Rachel, La Fontaine, Oscar Wilde und viele andere Männer und Frauen, deren bloßer Nachname genügt, um die Erinnerung an ihre Größe wachzurufen. Hier ruhen aber auch, bestattet an der gleichen Stelle, wo sie fielen, jene dreihundert anonymen Kommunarden von 1870, die von weißbehosten Truppen aus Versailles an der Mur des Fédérés zusammengeschossen worden waren. Jedes Jahr legen Pariser Arbeiter rote Rosen an ihrem Gemeinschaftsgrab nieder. Und jedes Jahr legt ein junger Romanschriftsteller Blumen auf ein Grab, das kein anderes Kennzeichen trägt als den Namen Balzac.
»Paris kann eine Wüste sein für das Herz, doch zu gewissen Zeiten weht von den Höhen des Pere-Lachaise ein revolutionärer Wind, der diese Wüste plötzlich mit flatternden Fahnen und rausdiendem Ruhm erfüllt.«
So schrieb ein Franzose unserer Tage, Albert Camus.
Für Balzac wurde Paris oft zur Wüste, doch es war auch, ebenso wie das ganze Frankreich, sein Garten. Und wann immer der Atem der Revolution vom Pere-Lachaise herabweht, dann ist in ihm etwas von dem heißen Lebenswillen, der noch heute von den Gebeinen Balzacs ausgeht.
Balzac war maßlos in seiner Lebensgier. Ruhelos jagte er, bald hemmungslos bis zur Raserei, bald zäh und störrisch, rüdisichts-los gegen sidi und andere und oft kühl und verschlagen, nach Liebe, Erfolg, Ruhm, Geld und Frauen, aber auch stets nach der Wahrheit. Er war ein Titan an Seelenstärke, getrieben von einer Kraft, die er nie ganz begriff und oft haßte, und verbrannte zuletzt selbst in der Glut seines eigenen genialen Wollens.
Was war es, das ihn rastlos, von der Wiege bis zur Bahre, vorwärtstrieb?
I
Der Gemeindeschreiber von Tours las die Worte laut vor sich hin, die er in den messingbeschlagenen Folianten der Stadtdironik eintrug. Die Luft rodi muffig in der engen Amtsstube. Der kratzende Federkiel des Schreibers skandierte mißtönend die unbeteiligte Monotonie seiner trockenen Beamtenstimme.
»Einundzvi^anzigster Mai Siebzehnhundertneunundncunzig. — Heute, am zweiten Prärial des siebenten Jahres der Französischen Republik, erschien vor mir, dem unterzeichneten Standesbeamten Pierre-Jacques Duvivier, der Bürger Bernard-François Balzac, Eigentümer, wohnhaft am hiesigen Ort, Rue d'Italie, Section du Chardonnet Nr. 25, um die Geburt eines Sohnes anzumelden. Der besagte Balzac erklärt, daß das Kind den Namen Honoré Balzac erhält und daß es gestern morgen um elf Uhr geboren wurde im Hause des Anmeldenden.«
Der Schreiber legte seinen Federkiel nieder, streute mit bürokratischer Umständlichkeit Sand über seine nassen Schriftzüge, schneuzte sich trompetend, gleichsam das Ende der Amtshandlung verkündend, die Nase in ein großes buntes Taschentuch und sagte:
»So, Monsieur Balzac, hiermit ist die Geburt Ihres Sohnes amtlich beurkundet und registriert für alle Zeiten.«
Bernard-François Balzac legte die Hand auf das offene Register und lächelte.
»Die Französische Republik ist eine erstaunliche Sache«, sagte er. »Geburt, Tod, Ehe, Mord und Totschlag, alles wird behördlich erfaßt in der gleichen trockenen Prosa. Doch ich versichere Ihnen, mein Lieber, das wird sich ändern, wenn Bonaparte das Kommando in Paris übernimmt.«
Der Beamte zog die Nase kraus, klappte das schwere Buch zu und legte es hinter sich in das Aktenregal.
»Frankreich ist eine Republik, Monsieur«, näselte er. »In einer Republik regiert das Volk und nicht ein korsischer Emporkömmling. Und außerdem die Register müssen auf dem laufenden gehalten werden, gleichgültig, ob wir einen König, eine Republii<