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Die Kirschbäume blühten zum zweitenmal, und die Menschen begannen sich zu fürchten vor diesem Jahr, dessen Sommer nicht enden wollte. Die Scheunen hatten die Ernte kaum fassen können, aber die Erde schien nicht müde zu sein. Die Wintersaat wuchs so schnell, daß die Bauern den ersten Frost herbeisehnten, um diesem Wunder, das ihnen unheimlich war, ein Ende zu machen. Die Unerschöpflichkeit dieses Jahres 1775 erfüllte die Menschen mit Mißtrauen. Der Überschwang eines allzu blauen Himmels und einer allzu warmen Sonne bedrückte sie; sie waren es nicht gewohnt, daß ihnen so reichlich gegeben wurde. Wie hätte es auch anders sein köimen, da sie alles nur zur Leihe hatten: Besitz, Freiheit und Leben, geborgt und jederzeit abrufbar. Wie hätten sie das je vergessen können, da sie doch zu Füßen der Festung lebten, die Kaserne und Gefängnis in einem war.Aus dem welligen Land stieg sie steil empor. Der graue spitze Kegel verdüsterte den hellsten Tag und riß in das Blau des Himmels eine dunkle, drohende Kluft. Immer mußten die Menschen, die hier lebten, die Festung sehen, und wenn es nur ihr großer wandernder Schatten war, der immer einen Streifen Landes um die Sonne betrog.Die hessischen Bauern, die zum Gut Haynau unterwegs waren, hatten die Festung Ziegenhain im Rücken. Einer hinter dem anderen schritten sie über die Wiese dahin. Ein paar Meter weiter lief die Straße, aber sie blieben auf der Wiese, um ihre Schuhe nicht mit Staub zu beschmutzen. Sie trugen ihren Sonntagsstaat, den dunklen Rock mit den massiven Bleiknöpfen, das schwarze Halstuch und den breit aufgekrempten schwarzen Hut. In der Ferne konnten sie bereits das steinerne Einfahrtstor von Gut Haynau sehen. Es war so groß, daß auch hochbeladene Heuwagen ohne Schwierigkeiten durchkamen. In den Fackelhaltern steckten noch die Ährensträuße vom Erntefest; von jedem Pachthof einer. Im Lauf der Jahre waren immer mehr Höfe verpachtet worden; es war nur eine Frage der11