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Vorwort zur 10. Auflage
Seit der letzten Bearbeitung des Zupfgeigenhansls ist rege am Weiterbau der Wandervogel-Volksliedsache geschafft worden. Aus dem Kunterbunt der Ortsgruppenblätter wachsen allmählich größere, deutschvölkische Liedersammlungen heraus. So brachte uns Preiß sein prächtiges österreichisches Singbuch, Trüb die Schweizer Fahrtenlieder, ein Hessengärtleih will werden, und ein oberdeutsches und niederdeutsches Liederbuch ist nur eine Frage der Zeit. Je mehr Stammescharakter und Eigenart ein solches Singbuch hat, um so besser; denn uns Deutschen liegt das Individuelle, und das ist unsere besondere Kraft.
Im Vorliegenden ist noch einmal der Versuch gemacht worden, unter Benutzung aller Wandervogel-Liederquellen eine Gesamtdarstellung deutschen Wandervogelsingens zu geben, obwohl dies eigentlich nicht gut möglich ist. Besonderer Dank gebührt dem Maler Hermann Pfeiffer, der abermals sehr feinsinnige Schattenrisse für den Zupfgeigen-hansl gezeichnet hat, Dank auch allen Wandervögeln, die mit Rat und Tat geholfen haben, Baiser, Dahmer, Jahnke, Schottky, Köhler und meiner lieben Braut. — Die Inhaber des Verlages Friedrich Hofmeister, und besonders Herr Günther in Leipzig, haben in einer Weise, die vollste Anerkennung verdient, an dem Gelingen des Werkes mitgeholfen; auch ihnen unseren Dank! Ein Punkt bedarf einer kurzen Klarlegung. Unlängst hat Rit-tinghaus in der Monatszeitschrift „Wandervogel" den Neutönern das Wort geredet; der neuzeitliche Mensch — auch der Wandervogel — bedürfe neuer Weisen, neuer Ausdrucksformen, das alte, klassisdie Volkslied sei in unseren Tagen eine rückschrittliche Erscheinung. Das leuchtet zunächst ein.
Aber das Volkslied ist nun einmal da — daran können wir nicht vorbei —, es ergreift uns stark und tief, und die Antwort auf das Warum? bleiben wir schuldig.
Was ist das alte, klassische Volkslied? Es ist das Lied des ganzen, in sich noch geschlossenen Menschen, jenes starken Menschen, der alle Entwicklungsformen und -möglichkeiten — in nuce wohl — noch in sich trug, der nur recht von Herzen zu singen brauchte, um dem ganzen Volke Herzenskünder zu werden. Diese Art Menschen lebt heute noch, draußen in den stillen Landeswinkeln, sie aber neu zu schaffen ist menschenunmöglich, unmöglich, da aller Fortschritt unserer Zeit auf einem Opfer gleichsam des ganzen vollen Lebens beruht, auf einem trotzigen Sprunge ins Halbleben des Sonderberuflers und Spe-