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Zum Gebrauch der Vergangenheitstempora Perfekt und Präteritum im dialogischen Text
Annerose Buscha, Leipzig
la den Aussagen der gecmanistisohen Forschung über die Verwendung von Perfekt und Präteritum als Ausdruoksformen der Vergangenheit ist immer die Schwierigkeit des Gegenstandes betont worden. So schreibt H. Glinz: „Auch rein linguistisch ist die Untersuchung hier schwerer als irgendwo sonst, weil die Darstellung von Zeit und Geltung von Aussagen durch sehr verschiedene Mittel erfolgen karm Neben Tempusformen, Modusformen und besonderen Partikeln bzw. Präpositional- und Adverbialausdrük-ken sind es vor allem der Aufbau des Textes überhaupt und der Ort der betreffenden Aussage im Gesamttext." Es stellt sich also die Frage, inwieweit eine kontextfreie Betrachtung von Tempusformen, bei der die Performanzgegebenheiten außer acht gelassen werden und bei der paradigmatisch angeordnete Verbalformen als Tempusformen betrachtet werden, überhaupt zur Klärung des Charakters der genannten Tempora führen kann.
Diese Schwierigkeit führt zu sehr verschiedenartigen Einschätzungen des Gebrauchs der beiden Tempora. Sie reichen von der deutlichen Unterscheidung des Informationswertes der beiden Tempusformen bis zur Synonymie und Austauschbarkeit. Es werden Unterscheidungen getroffen nach sprachhistorischen, psychologischen, stilistischen, grammatischen und semantischen Kriterien. So leitet K. B. Lindgren den heute vielfach dominierenden Perfektgebrauch aus dem Präteritumsschwund im Oberdeutschen seit dem 16./17. Jahrhundert ab und konstatiert, daß Perfekt und Präteritum annähernd die gleiche Bedeutung haben, daß jedoch ihre Verwendung verschieden ist.^ E. I. Sendeis betrachtet Perfekt und Präteritum als „systemhafte Synonyme", als weitgehend identisch also.® W. Flämig hingegen sieht einen wesentlichen Bedeutungsunterschied, indem er nur das Präteritum als echte Zeitform betrachtet, das Perfekt hingegen als eine Art Aspektform, die eigentlich kein Vergangenheitstempus ist, sondern ein Geschehen als aktional vollzogen charakterisiert.* Im Gegensatz zu W. Flä-mig betont W. Schmidt den Tempuscharakter des Perfekts als Kennzeichnung eines in der Perspektive des Sprechers vergangenen und vollendeten Gesche-hens.ä G. Starke sieht im Perfekt - im Gegensatz zum Präteritum - eine unmittelbare Beziehung zur Gegenwart hergestellt, es „drückt z. B. eine gegenwärtig noch wirksame Folge eines vergangenen Geschehens aus"'. H. Weinrich versucht, die Unterscheidung zwischen Perfekt und Präteritum mit den beiden verschiedenen „ Sprechhaltungen" „gespannt" und „ungespannt" zu fassen, wobei er die Möglichkeit unbeschränkter Austauschbarkeit der Tempora
je nach der „Sprechhaltung" zuläßt.' W. ffluge sieht das Präteritum als „Erzähltempus", das Perfekt als das Tempus aller „Vergangenheitsleistungen, die nicht erzählt werden", als Tempus der Mitteilungen, Feststellungen und Fragen. Für ihn ist die Wahl der Vergangenheitstempora Perfekt und Präteritum mehr ein stilistisches als ein grammatisches Problem, wenn von einigen Ausnahmen, etwa der für die Frage typischen Perfektform, abgesehen wird.® H. Gelhaus charakterisiert die Tempora Präteritum und Perfekt mit den Merkmalen der,,Abgeschlossenheit" und der „Verfügbarkeit". Er geht hypothetisch von einem geschlossenen Tempussystem aus, in dem die einzelnen Tempora durch die semantischen temporalen Komponenten „Abschluß" und „Beginn" imd durch die nicht temporalen Komponenten „Vorhersage" und „Verfügen" bestimmt sind.® Dem von Gelhaus entworfenen kombinatorischen System semantischer Komponenten wird von K. Baumgärtner und D. Wunderlich ein auf den zeitlichen Relationen „vor", „nach" und „überlappt" beruhendes System gegenübergestellt. Die inhaltliche Motivierung dieser drei Zeitelemente wird durch die Zeitintervalle „Sprechzeit" (Zeit, in der ein Satz geäußert wird), „Aktzeit" (Zeit des verbalen Akts) und „Betraohtzeit" (Zeit der Betrachtung des verbalen Akts durch den Sprecher) vorgenommen.^" Diese Merkmale werden von 6. Heibig und J. Buscha in einem modifizierten Modell zur Beschreibung der Tempora übernommen. Ausgegangen wird dabei von einem absoluten und von einem relativen Gebrauch der Tempora, von einer logisch-grammatischen und einer kommunikativ-grammatischen Seite des Tempussystems. In der Deutschen Grammatik werden die beiden Tempora folgendermaßen charakterisiert: ,,Das Präteritum bezeichnet vergangene Sachverhalte. Aktzeit und Betrachtzeit sind identisch, beide liegen vor der Sprechzeit."!! „Das Perfekt drückt vergangene Sachverhalte aus. Sprechzeit und Betrachtzeit sind identisch, die Aktzeit liegt vor ihnen."'^ In dem Helbigschen Modell wird die Distanz zwischen der Sprechzeit und der Aktzeit bei den beiden Tempora betont. Das Präteritum wird als Erzählzeit der Vergangenheit charakterisiert, wobei sich Betrachtzeit und Aktzeit überlappen. Beim Perfekt hingegen überlappen sich Betrachtzeit und Aktzeit nicht, sondern Betraohtzeit und Sprechzeit werden als identisch betrachtet." Dieses Modell, das nicht alle Funktionen des Perfekts erfaßt, wird von K. Dieling spezifiziert." Nach der Auseinandersetzung mit anderen Tempusmodellen mit semantischer Deriva-tion'^ schlägt er die Einführung von zwei semantisch definierten Perfekts im Helbigschen Modell vor. Das
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Zeltschrift „Deutsch als Fremdsprache", 18. Jahrgang 1981, Heft 3 — Selten 129—192. Yerlagsort Leipzig._'
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