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EINLEITUNG
Der Untertitel dieser Anthologie deutsdier Literaturkritik muß befremden: Kaiserreich, Erster Weltkrieg und erste Nachkriegszeit. "Wie denn? Es handelt sich dodi um eine Anthologie der literarischen Kritik und nicht um eine Dokumentation zur deutschen politischen Geschichte. Allein es zeigte sich, daß alle Versuche einer Periodisie-rung, die sich auf den literarischen Bereich zu beschränken gedachte, scheitern mußten. Mit Stilkriterien kam man nicht aus. Die üblichen Begriffe des Naturalismus und der Neuromantik, des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit sind nicht bloß gegenwärtig durch die wissenschaftliche Forschung von neuem in Frage gestellt: sie führten sogar überall, wo ernsthaft gearbeitet wurde, zu einer Rückbesinnung auf die gesellschaftlichen und politischen Grundfaktoren. Die Geschichte etwa des Expressionismus läßt sich nur mit Hilfe der Realphänomene Kaiserreich, Weltkrieg, Nachkriegszeit verstehen. Wenn sich jedoch bei einem so wichtigen Phänomen wie dem expressionistischen — der naturalistische Aufstieg und Verfall folgte ähnlichen Gesetzen — herausstellte, daß es nicht angeht, einen historischen Zeitraum der Literaturentwicklung, etwa zwischen 1910 und 1924, allein mit seiner Hilfe deuten zu wollen, so mußte überhaupt, schon im Titel unseres Bandes, auf die Aneinanderreihung der Ismen verzichtet werden. An die Stelle von Schulen, Bewegungen und literarischen Moden trat als Periodisierungs-prinzip das materiale. Das aber führte zu der Frage, warum die Selektionsprinzipien einer literaturkritischen Anthologie des deutschen 20. Jahrhunderts so unähnlich werden mußten jenen Ausleseprinzipien, deren man sidi noch im Falle des 18. und 19. Jahrhunderts getrost bedienen mochte.