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VORWORT
Zur ersten Auflage (1950)
Eine Geschichte der deutschen Sprache (zumal eine so kurz gefaßte) zu schreiben, ist heute ein noch kühneres Unternehmen als vor einem Vierteljahrhundert. Zu viele Fragen haben sich seitdem erhoben und sind zum Gegenstand des wissenschaftlichen Gesprächs und der Auseinandersetzung geworden. Existenz und Gestalt des Urindogermanischen, die Gliederung der germanischen Einzelsprachen und die Entstehung des Deutschen, die zeitliche Einteilung der deutschen Sprachgeschichte, die Entwicklung und innere Entfaltung der neuhochdeutschen Einheitssprache, das Werden des deutschen Wortschatzes wie der Satzbildung, die Gliederung der deutschen Mundarten - das alles sind uns heute Probleme, die großenteils noch keine gültige Lösung gefunden haben. Angesichts dieser starken Dynamik der Forschung sah sich eine Darstellung wie diese besonderen Schwierigkeiten gegenüber. Der knappe Raum und die Bestimmung der Reihe für weitere Kreise verboten eine eingehendere fachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Schrifttum und zwangen oft dazu, die Probleme nur anzudeuten oder zu vereinfachen; das gilt auch für die Einführung in die Fragen der Sprachbetrachtung.
Es wurde versucht, soweit unsere Erkenntnisse bis jetzt reichen, die geistigen Kräfte aufzuzeigen, die auf das Werden unserer Sprache wirkten. Doch muß beachtet werden, daß die Sprache eine Erscheinung eigener Art ist, deren Entwicklung nicht nur geistesgeschichtlich betrachtet werden kann; das Werden des Sprachkörpers vollzieht sich weithin unabhängig von der Bildungsgeschichte. Um einen durchgehenden Gesichtspunkt für die zeitliche Gliederung zu gewinnen, habe ich den räumlich-sozialen, also die Frage nach der Geltung mundartlicher und hochsprachlicher Erscheinungsformen, mit der üblichen Epocheneinteüung der geschichtlichen Fächer verknüpft. Dieser Aufbau soll nicht besagen, daß der deutschen Sprache von Anfang an die Tendenz zur Einheitssprache innewohnte, wohl aber, daß beim deutschen