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BAUZEICHNUNG DES KLOSTERS WEINGARTEN aus dem Jahre 1723 Es wáre wohl nicht gut, diese kleine Bilderlese, die für eine grófie Sache zeugen soll, ohne ein paar Worte der Verteidigung in die Welt zu schicken. Man ist lange daran gewöhnt gewesen, Barock" überhaupt gleich Schwulst und Verfall zu setzen. Man merkte nicht, daB man hier nur dem Urteil einer Generation folgte, die zu dem geschichtlichen Barock in dem natürlichen Gegensatze der Kinder gegen die Eltern stand - dafür war es allerdings die Generation Goethes gewesen. Inzwischen ist wenigstens die Wissenschaft durch einen neuen Begriff von Entwicklung über das unbedenkliche Verwerfen lángst hinausgelangt. Barock ist ihr eine grofie Strömung und von der Strömung aus eine ganze grofie Epoche geworden. Aber noch mehr: gerade an KünstJern von überragender Gröfie, gerade an solchen, deren Wille in führenden Menschen der neueren Zeit wiederkehrte, hat sie den barocken Charakter entdeckt, an Michelangelo, an Rubens, an Rembrandt. Ja, so sehr gerade die architektonischen Bedürfnisse der Gegenvvart jenseits des Barocken liegen mögen - die der Zukunft scheinen es nicht zu tun; gerade unsere Architekten habén mit Bewunderung die Füllé von Geist begriffen, die jene seltsame, üppige Geschmeidigkeit des Schaffens in der barocken Baukunst niedergelegt hat. Für die Deutschen aber handelt es sich noch um etwas Besonderes, um eine der Zeiten ihrer Geschichte, die die Merkmale der Genialitát tragen, eine ungeheure Fruchtbarkeit, einen dichten Wuchs der Begabungen, eine hohe Zahl von Meisterwerken. Es wird genug Menschen geben, die hier von vornherein sich abwenden möchten. Die Heimat dieses Stiles liegt nicht in Deutschland, - so wenig übrigens als in Frankreich - sie liegt in Italien. Wir hátten so allerdings keinen Grund, uns um deutschen Barock zu kümmern, wenn wir überall nur die armselige Formel der Heimatkunst" auf unseren geschichtlichen Besitz anwenden dürften. Wir habén schon darum den allerbesten, weil wir Europáer sind. Keines der Völker, die aus der Staatengründung Karls des Grófién herstammen - und sie alléin mit ihren náchsten Verwandten habén seit der Antiké die europáische Kunst getragen é-r keines dieser Völker hat eine Kunstgeschichte, die nur ihm alléin gehörte. Sie alle habén Menschen und Gedanken ausgetauscht, und so hat jedes zwar seine eigene, keines aber eine einsame Geschichte. Und für keines wieder wáre es törichter, eine völlig isolierte Heimatkunst" setzen zu wollen als für das deutsche, das mehr und verschiedenere Nachbarn hat als irgendein anderes, das in sie alle eingetaucht und vielleicht nur deshalb oft so widerstandslos ist, weil es mit allén seinen Nachbarn in Blutverwandtschaft steht E-- selbst mit den Slavenstámmen, die zwischen den Karolingervölkern und dem Orient in fliefiender Bewegung bleiben. Seine Gefahr ist auch sein Reichtum: es kann kein grofier Gedanke an der Peripherie gedacht werden, der nicht in das Sammelbecken Deutschland hineinrinnen müfite. Und die zentrale Kraft ist stark genug, auch die Gedanken von aufien her zum Besitze zu erheben. Schon darum brauchten wir den deutschen Barock nicht von uns auszuschliefien selbst wenn er nur von fremden Künstlern unserer Erde angepafit worden wáre. Aber die Sache liegt ja völlig anders. Wir habén allén Grund, ihn mit Verehrung zu lieben. Unser Land hat ;hn aus fremden Anregungen herausgestaltet. Unser Land hat, wie nur in den besten Zeiten, zu der gewaltigen Füllé gerade seiner Aufgaben eine grofie Schar Talente und eine ganze Gruppé offenbarer Genies hervorgebracht. Sie habén unserem Barock aus dem europáischen heraus seinen eigenen Charakter aufgeprágt, einen deutschen Charakter. Es sind jene Meister, die aus dem siebzehnten Jahrhundert stammend, vor allém in den ersten Jahrzehnten des achtzehnten gebaut habén. III