Bővebb ismertető
Traumstraßen - ungezählte
»Nur reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben reisen ist.«
Jean Paul
Die schöne Gabe, sich ins Heimatland des anderen einzufühlen, ist den Deutschen sehr allmählich in den Schoß gefallen; ihre Kleinstaaterei trieb sie wenig zum Ausgehen in angrenzende Länder an. Handwerksburschen, Maler und Dichter wagten sich ohne Scheuklappen ein wenig weiter ins Land. Die roten »Handbücher für Reisende«, die Karl Baedeker den schönen, aber unpraktikablen Dichterworten nachfolgen ließ, brachen die ersten Breschen in die sitzfleischschwere Heimatliebe. »Wer unter Heimatliebe nur die Zuhausehockerei versteht«, knurrte Gottfried Keller, der seine eidgenössischen und deutschen Stubenhocker samt den Folgen kannte, »wird der Heimat nie froh werden, und sie wird ihm leicht nur zu einem Sauerkrautfaß.« Um Reisen in andere Sauerkrautfässer geht es hier, Fässer, die wir zu kennen glauben, ohne uns darin wirklich auszukennen. »Für Naturen wie meine«, teilte der reiselustige Goethe dem seßhafteren Schiller mit, »ist eine Reise unschätzbar — sie belebt, berichtigt, belehrt und bildet.« Naturen wie seine schössen, was das Reisen betraf, allmählich wie Pilze aus dem europäischen Städterwald: Radbrüche, kippende Chaisen, lahme Pferde, Frühwäsche unterm Pumpbrunnen und Bettwanzen gehörten noch zu den unkomfortablen Wandersensationen, denen am Rand der Romantik und des Biedermeier schwer zu entkommen war. Noch bedurfte die Geschichte unseres Reisens, bevor sie mit wahrer Lust beginnen konnte, einiger ausgereifter Nebengeschichten, die unerfreulich lange auf sich warten ließen: Nebengeschichten der Hôtellerie, des Straßen- und Brückenbaus, der bequemen und flotten Vehikel, der beseitigten Bazillen, Zöllner, Ungeheuer, Straßenräuber und Flöhe, auch der maulaufreißenden Dummköpfe, die Fremde wegen ihres absonderlichen Aussehens am liebsten unters Beil gebracht hätten.
In der Renaissance, als der Mensch staunend über seine Nasenspitze hinaussah, zeichnete Aeneas Sylvius Piccolomini — nach vielerlei humanistischen Klugheiten über fremde Sitten, Zustände und Gewerbe — sein tirolisches Alpental mit einer eindringenden Liebe, die sich bisher so warm noch nirgends geäußert hatte. Das war etwas Neues — ein Mensch (später wurde er Papst Pius II.) kam seiner Heimat auf die Fährte. Jede Reise darin, deutete diese Liebe an, kann dir zum Kunstwerk werden, wenn du ihre Menschen verstehst, wenn du viele Schritte über den Horizont des Drinwohnens, des Gewohnten hinausgehst, die Gebäude und Frauen der Nachbarn betrachtest, die neuen Landschaftswinkel aufnimmst und mitliebst. So hatten fahrende Menschen bisher nicht empfunden. Die Landschaft, die man fühlen sollte wie einen Körper, verstand Novalis als idealistischen Leib für eine besondere Art des Geistes — »Die Natur hat Kunstinstinkt, daher ist es Geschwätz, wenn man Natur und Kunst unterscheiden will.«
Und ist zu alledem nicht jeder, der sich im eigenen Land beim Nachbarn umsieht, mehr als nur ein Wißbegieriger? Er ist Bergsteiger und Weinfreund, Kunstkenner, Segler, Bierfilzsammler, Skiläufer oder Waldwanderer; er liebt es, in Kleve oder Zons am Niederrhein Brabantisches zu verspüren, in Bergzabern den hohen Geist des Straßburger Münsters, in Wasserburg am Inn eine Brise Venedig, in Eckernförde das grüne, buttrige, fischige und meerbespülte Jütland — zu aller Zeit waren unsere Heimatlandschaften Brücken zu anderen Ländern hin. Heimat — kurz hintereinander denke ich an die Heideschenke im Wilseder Park, an ein peitschendes Schneegeheul um die Kar-
wendelspitzen, an die Hohen-Neuffen-Ruine in der Schwäbischen Alb, von Zwetschgenbäumen umblüht. Backsteingotik, Windmühlenreste und Schlotriesen, Strohdach, Hochhaus, Schieferhütte, Wasserburgen, Meer, Gebirge, Heide, Seenplatten, Reichsstädtchen, Baumblüte im Alten Land — das sind Zurufe aus einem erregenden Stück, die sich überstürzen. Dieses Stüde existiert, es wird täglich gespielt, wir stecken dazwischen. Bayrische Seen schauen anders aus als die Blinkspiegel der Nassauer Seenplatten, die segelgefleckten um Ratzeburg; friesische Mädchen, Bauernhäuser und Kühe sind umwerfend anders als oberbayrische — ein Leben lang kann sich der Mensch beim einen vom anderen erholen und nach dem Erholen wieder zurücksehnen. Die Mainfranken gleichen ihren Weinen, die Westfalen ihrem Pumpernickel, die Harzer ihren Erzwäldern — sagt jetzt nicht leichtsinnig, ihren Würsten und Käsen, und doch — — denn bevor wir Deutsche uns mit Verstand und Verständnis in unseren Heimatländern aufsuchen konnten, mußten wir uns erst noch mit »fremden Spezialitäten« vertraut machen: mit Hamburger Aalsuppe, bayrischen Knödeln, roter Grütze, Frankfurter Äppelwoi, schwäbischen Spätzle, bremischem Braunkohl mit Pinkel, westfälischen »Groatebohnen met Speck«, Bodensee-felchen, Starnberger Renken, Bookweeten-Janhinnerk und badischen Zwiebelkuchen. Etwas essen und schätzen können, was Mutter nicht gekocht hat und der Eisschrank nicht hergibt, nicht darauf beharren, daß landauf landab nur noch Schnitzel und Pommes frites serviert werden, gehört zur echten Kunst, den intimen Zauber eines Landes für sich zu erschließen. Dazu bedurfte es mehr als der Aufklärung, der Romantik und der knipsenden Wißbegierde. Einer, der durchs Land reisend in die Seele eines Kunstwerks, in die Hintergedanken einer Landschaft und eines anderen Menschenschlages eindringen will, sollte einheimische Getränke mitbegehren und erproben wie Burgaussichten; mitgekeltert in allen Weinen zwischen Saale und Meersburg am Bodensee sind Landschaft, Boden, das Klima, die Winzermüh, Schicksal und Lebensart der Bewohner.