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EINFÜHRUNG „ÄGYPTISCHE ZEICHNUNG" - diese Einschränkung ist nur formaler Art.
Denn die Eigenart altägyptischen Kunstschaffens erlaubt es nicht, Zeichnung im modernen Sinne z. B. als Graphik oder getrennt von der Malerei aufzufassen. Ägyptische Zeichnung war nicht reproduzierbar. Das häufige Auftreten gleicher Motive z. B. in der Malerei verschiedener Gräber oder in der Zeichnung von Vignetten des Totenbuches resultierte aus dem Verwenden eines im wesentlichen stereotypen Motivschatzes für den Zweck der Grabausstattung und bedeutete keine Vervielfältigung.
Zeichnung ist der Malerei artverwandt. Im Prinzip unterscheiden sich die Träger für Zeichnimg und Malerei. Malerei steht meist auf der Stuckimterlage oder dem Lehmputz. Der Papyrus hat für Zeichnungen Platz. Doch ist diese Einteilung willkürlich, denn, wie der Leser dieses Buches unschwer bemerken wird, sind auch die „Zeichnungen" auf Papyrus Malereien und die Vorzeichnungen in den Gräbern ebenfalls Zeichnung und nicht Malerei. Die Übergänge zwischen Zeichnung und Malerei sind fließend. Die Linie als Kriterium für die Zeichnung kehrt als Gestaltungsprinzip in der Malerei wieder: sie umreißt die gemalte Figur, bannt und rahmt sie. Andererseits kann eine Zeichnimg koloriert sein, wobei die Haltung zur Farbe in der Zeichnung keinen Unterschied gegenüber der Malerei kennt. Auch zwischen Malerei und Zeichnung auf der einen Seite und der Skizze auf der anderen bestehen, zumindest für den altägyptischen Künstler, keine graduellen Unterschiede. Eine Skizze kann Vorvrarf für eine Malerei sein und ist oft eine Arbeit solcher Vollkommenheit, daß sie auch unser ästhetisches Interesse verdient. Die sicher gesetzten Linien, meist in Schwarz und Rot, kommen dem modernen Empfinden von einer Zeichnung nahe.
Aber in den „Skizzenbüchern" der altägyptischen Künstler gibt es auch eindeutige Hinweise auf das MühevoUe eines jeden Beginns. Diesen „Skizzenbüchern", die außerdem Miniaturen des Alltags und technische Versuche beinhalten, ist unser Interesse in diesem Buch zugewendet.
Altägyptische Kunstwerke sind aus den Bedürfnissen der Religion entstanden. Früh hat vor allem der Glaube an eine Weiterexistenz des Menschen nach dem Tode jede Kunstproduktion diesem Zweck unterstellt und bestimmend hinsichtlich Farbgebung, Form und Material gewirkt. Auch der Ort ihrer ursprünglichen Aufstellung, Grab oder Tempel, trägt diesem Denken Rechnung.
Es ist sehr schwer, mit dem Wissen um die Gebundenheit ägjrptischer Kunstwerke einen Wertmaßstab anzulegen, der für die Beurteilung dieser Kunst günstig ausginge. Europäisches Kunstempfinden ist von den Griechen her bestimmt. Und noch im Urteil der älteren Generation kommen die alten Ägypter schlecht weg, obwohl der Expressionismus in Europa neue und zu altägyptischer Kunst ähnliche Sehmöglichkeiten erschlossen hatte. Zweifellos, Art und Anliegen einer so berühmten Plastik wie der des Dorfschulzen im Ägyptischen Museum von Kairo sind zunächst die von der Religion vorgeschriebenen: die Funktion einer Plastik für die Weiterexistenz des Verstorbenen im Jenseits. Aber dahinter stand der uns unbekannte geniale Holzschneider. Dieser wußte um die ästhetische Wirkung seines Werkes, und vielleicht teilte sich das auch dem Auftraggeber mit. Denn zwischen künstlerischem Wollen und Umsetzung entwickelt sich ein Risiko. Jedes Kunstwerk wird von ihm geprägt. Dieser Umstand schafft die Voraussetzung, daß sich auch ein moderner Betrachter anrühren läßt von der Ästhe-9 tik und dem Reiz eines altägyptischen Bildwerkes und den ihm unbekannten