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ERSTES KAPITEL
Archibald von Barring, Herr auf Wiesenburg, Gottesfelde und Bladupönen, saß rauchend in seiner Schreibstube und las die »Norddeutsche Allgemeine«. Trotz der späten Vormittagsstunde lag über dem großen Raum an diesem häßlichen Novembertage nur trübes Zwielicht. Der bleigraue Himmel hing tief und lastend über der Erde; der Regen strömte so unaufhaltsam, daß man an der Hoffnung, je wieder die Sonne scheinen zu sehen, verzweifeln konnte; ein kalter Wind pfiff um das Schloß, verfing sich in dem wuchernden Efeu, der seine Mauern bedeckte, und sauste im Geäst der alten Bäume des Parks.
Vor dem Kamin lag der Spaniel Peter. Den Kopf auf die Vorderpfoten gedrückt, starrte er regungslos in die Flammen des prasselnden Feuers.
Über die Zeitung weg warf Barring einen Blick auf die alte englische Standuhr, deren hochgewölbtes Zifferblatt im Weiß seines Porzellans aus dem rotbraunen Mahagonigehäuse leuchtend hervorsprang: ,Gleich zwölf.' Der Wagen, der Mathias Schienther in Kallenberg von der Bahn abholte, mußte also in einer kleinen Stunde zurück sein, so daß man pünktlich würde zu Tisch gehen können. Der Tag in Wiesenburg fing früh an, und auch heute war man seit sechs Uhr auf den Beinen. Da wollte der Magen schließlich sein Recht.
Was Mathias wohl herführen mochte? Seine briefliche Ansage verriet nicht den Zweck, den er mit seinem Besuch verband. Aber eine ganz bestimmte Absicht verfolgte er mit seinem Kommen zweifellos. So ohne weiteres machte der Vielbeschäftigte sich von seiner Arbeit nicht frei. Na — es würde sich ja finden! Was den Vetter auch immer herbrachte — auf alle Fälle war es erfreulich, ihn einmal wieder hier zu haben. Ob Karl auch für den richtigen Wein gesorgt hatte? In letzter Zeit fing er an, etwas vergeßlich zu werden. Merkwürdig! Mit seinen Ja wie alt konnte er denn eigentlich sein, der Karl?
Barring, der nicht gern eine Frage offenließ, begann zu überlegen. Im vorigen Jahr waren gerade vierzig Jahre vergangen, seit er hier im Dienst stand. Wie die Zeit doch flog! Als Bengel von fünfzehn Jahren war Karl eingetreten, und der alte Jurleit, der ihn anbändigen mußte, hatte sich damals grün und gelb über den Jungen geärgert. Noch heute bekam Mama das Lachen, wenn sie an die tiefe Empörung des alten Jurleit dachte. Jedenfalls mußte Karl um 1820 geboren, heute