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Vorwort
Heinrich von Treitschkes Wort von den Männern, die Geschichte machen, ist durch die historische Erfahrung - besonders auch unseres Jahrhunderts - brutal und wohl endgültig in das Reich der Legende verwiesen worden. Die gesellschaftlichen Prozesse, die bewirkt haben, was die Nachgeborenen dann „Geschichte" nennen, wurden höchst selten von Einzelnen geprägt, sondern vielmehr von einer Vielfalt zufälliger oder logischer Entwicklungen. Biographische Darstellungen von politischen Führern, wenn sie sich denn streng von falschem Pathos und romantischer Heldenverehrung freimachen konnten, zeigen erschreckend deutlich, wie wenig die Tat des Einzelnen oder das Wollen der Staatenlenker bewirken kann, wie entscheidend die Gunst der Stunde, die Zeitumstände, der nur wenig kontrollierbare Einfluß ökonomischer, technischer oder auch massen-psychologischer Fakten in der Regel sind. Das Handeln der politischen Leitung erschöpft sich meist in mühseligen Abwehrreaktionen, große Konzeptionen scheitern im Alltagskampf widerstrebender Interessen und kaum beeinflußbarer Gegenströmungen. Das persönliche Schicksal selbst derjenigen, denen die Völker respektvoll den Beinamen „der Große" gaben, ist von Tragik überschattet. Ob Alexander oder Cäsar, Preußens Friedrich oder der korsische Emporkömmling Napoleon - ihre Machtträume und Reiche zerschellten an einer Wirklichkeit, die sie, wenn überhaupt, erst am Ende ihrer von Mord und Krieg begleiteten Laufbahn ahnten. Nicht einmal „Geschäftsführer des Zwecks" (Hegel) waren sie, sondern hochbegabte, willensstarke und skrupellose Täter der Geschichte, Meteore, die rasch verglühten, Männer, deren spektakuläres Wirken zwar die Ängste, Träume und Phantasien ihrer Zeitgenossen (und auch der Generationen danach) erregten, aber die den Rhythmus gesellschaftlichen Werdens und Vergehens mit keiner Verordnung und keiner Schlacht ins Wanken brachten. Historische Bewegung kommt nicht vom Individuum, sie entwickelt sich aus der Summe gesellschaftlicher Prämissen.
Und doch: Das Biographische, das Sichtbarmachen geschichtlicher Ereignisse mit Hilfe der Beschreibung politischer Lebensläufe hat Sinn. Das Einzelschicksal fesselt den Leser emotional, läßt ihm Geschichte „lebensnah" erscheinen. Mehr noch. Leistung und Versagen gesellschaftlicher Eliten sind auch Prämissen - aber eben nicht die einzigen - historischer Entwicklung. Optimistisch formuliert: In der Deutung von Erfolg und Scheitern des Staatsmannes liegt eine Chance, aus der Geschichte zu lernen.
Von der Reichsgründung im Januar 1871 bis zum Ende der sozial-libe-ralen Koalition in Bonn (Herbst 1982) haben 27 Kanzler die Verantwor-