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VorwortNatur in Deutschland, gibt es das überhaupt noch? Natur in unserem engen Lebensraum, in einer kultivierten, von Wildwuchs gesäuberten, aufgeräumten, möblierten Landschaft? Die Frage beantworten heißt eine andere stellen: Was versteht man unter Natur? Natur im strengen Sinn, als eine nach eigenen Trieben, Kräften und Gesetzen, unberührt vom wirtschaftenden Menschen sich entwickelnde Welt, gibt es in unserem Land nur noch in Restparzellen: in der Wattlandschaft der Nordsee, in einigen Hochgebirgsregionen, in den wenigen letzten Mooren. Deutschland ist fast überall Kulturland, urbar gemachtes, bearbeitetes, genutztes Land. Das war es schon seit dem ausgehenden Mittelalter, als die endlosen Ur-Wäl-der sich durch Rodungen lichteten und schließlich ganz verschwanden, abgeholzt für den Haus-, Berg- und Schiffsbau, verfeuert in den Öfen der Haushalte. Bis zur industriellen Revolution ging die Veränderung der Landschaft durch den Menschen nur schrittweise vor sich. Die verdrängten Tier- und Pflanzengesellschaften konnten in Nachbarschaft zum Forst- und Ackerland überleben, sich anpassen oder in ungenutzte Räume zurückziehen. Doch in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts erreichte Mitteleuropa mit der Industrialisierung, der Technisierung fast aller menschlichen Lebensvorgänge und der Intensiven Landnutzung mit Maschinen und Chemie eine Entwicklungsstufe, die der Natur keine Chance mehr läßt. Viele Pflanzen- und Tierarten sind bereits dezimiert oder völlig ausgerottet, der Wald ist vom Tod bedroht. Sehr spät begann unsere Gesellschaft zu begreifen, daß alle Tiere und Pflanzen, auch die unansehnlichen und die scheinbar schädlichen, wichtige Glieder einer ökologischen Kette sind, einer Kette, an deren Ende der Mensch steht. So schreibtHorst Stern: Wenn die sensiblen Warnzeichen der Natur, die Lebenslichter der Vögel, zu flackern beginnen, ist auch das Leben des Menschen in Gefahr. Was wird getan, um in unserem Land die Reste intakter Natur zu erhalten? Seit 1909, dem Gründungsjahr des Naturschutzparks Lüneburger Heide, ist der Naturschutzgedanke lebendig. Seither wurden mehr als tausend Naturschutzgebiete ausgewiesen, überwiegend kleine, lokal begrenzte Bereiche, die meist strengen Nutzungsbeschränkungen unterliegen. Die schon 1911 geborene Idee, in Deutschland einen Nationalpark nach dem Vorbild des amerikanischen Yellowstone Parks einzurichten, wurde erst 59 Jahre später verwirklicht: 1970 entstand der Nationalpark Bayerischer Wald, 1978 kam als zweiter der Nationalpark Berchtesgaden hinzu. Nationalparks sind Gebiete, deren gesamte Tierund Pflanzenwelt ihrer natürlichen Entwicklung überlassen bleibt und deren Schutzzonen jeder Nutzung entzogen sind. Die Einrichtung weiterer Nationalparks ist hierzulande wegen des Fehlens geeigneter Gebiete, die den international festgelegten Kriterien gerecht werden, kaum mehr möglich. Man mußte sich in Deutschland mit Gebieten begnügen, die einem weniger strengen Reglement unterzogen werden können. So ergab sich der Begriff des Naturparks: Eine in sich geschlossene, schützenswerte Landschaft, die sich durch besondere Schönheit und Eigenart auszeichnet und die durch behutsame Erschließung mit Parkplätzen, Wanderwegen, Lehrpfaden, Schutzhütten und Spielplätzen den Menschen als Erholungsraum zugänglich ist. In den letzten 30 Jahren entstanden Insgesamt 63 Naturparks, die zusammen ein knappes Fünftel der Landesfläche umfassen. Diese Gebiete sind zwar bäuerlich besiedelt und bewirtschaftet, werden aber nach Kräften gegen störende Veränderungen abgeschirmt. So bilden sie ein Refugium für zahlreiche, vom Aussterben bedrohte Pflanzen- und Tiergesellschaften.Die in der Öffentlichkeit entfachte Diskussion um den Schutz der Umwelt bildet Hintergrund und Anregung zu diesem Buch. Zwei Jahre lang haben wir mitWanderschuhen und Kamera die deutschen Naturparks durchstreift und waren erstaunt, noch viel Ursprüngliches zu entdecken: Filze und Moore, Heide und Wälder, Flußauen und Wildbäche, Felswildnis und Blumenwiesen - es gibt sie noch. Dieses Buch behandelt 63 Naturparks, zwei Nationalparks, drei der größten Naturschutzgebiete, den Naturschutzpark Lüneburger Heide und den in der Entstehungsphase befindlichen Naturpark Ostfriesland. Wir haben die meisten davon selbst besucht und stellen sie hier in einem repräsentativen Querschnitt vor.Mit den Photos, die wir aus einer Fülle von Bildern ausgewählt haben, möchten wir die Schönheiten der Naturparks zeigen.Der Textteil soll zum Nachdenken und zum eigenen Anschauen anregen: Er nennt Autorouten, Besuchsziele und Wanderwege, er beschreibt und diskutiert den heutigen Bestand und die mögliche Zukunft der Natur in Deutschland. An dieser Stelle möchten wir den Geschäftsstellen der Naturparks für die Hilfe bei unserer Arbeit danken. Unser Dank gilt auch den Photographen, deren meisterhafte Detailaufnahmen das Spektrum des Bildteils ergänzen. Die Art der Einrichtung von Naturparks ist nicht unumstritten. Oft wird die Frage gestellt, ob nicht die Erschließung bis dahin relativ unberührter Landschaften die Reiselust und die Neugier so vieler Menschen weckt, daß dadurch die Natur erst recht ihrer Stille beraubt wird. Trotz solcher Einwände muß man sich darüber im klaren sein, daß Naturschutz nur mit dem Menschen praktiziert werden kann. Sinn des Naturschutzes kann es nicht sein, Wälder und Moore durch Verbote abzuriegeln. Dies hätte eine Entfremdung zur Folge, und eine fremde, verbotene Umwelt kann man nicht lieben. Nur wer die Natur kennt, kann sich aus Überzeugung dafür einsetzen, sie zu schützen. Die Freude an den Schönheiten der Landschaft, wie wir sie heute noch haben, sollte uns zugleich Verpflichtung sein, sie für unsere Nachwelt zu bewahren.Hubert Neuwirth7