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VORSÄTZE
In diesem Buch wird ein gutes Dutzend Romane aus drei Jahrhunderten und fünf NationalHteraturen untersucht. Ihr Gemeinsames ist der Vorwurf: die Stadt.
Die Bezeichnung »Vorwurf« deutet schon an, worum es nicht geht. Zunädist im weiteren Umkreis. Es geht um keine architekturgesdiidit-Hche, soziologische oder erdkundliche Entschlüsselung von Werken, die fraglos einen einschlägigen Gegenstand jener Fadibereidie episch verarbeitet haben. Wohl werden sich gesellschaftliche Einblicke ergeben, doch sie sind kein primäres Ziel. Es ist auch nicht beabsichtigt, gleichsam als Merian in litteris, möglichst genau möglichst viele bemerkenswerte Städte im Status des Romans aufzugreifen. Sowenig die betroffenen Schriftsteller sachgetreue Topographie bezweckten, sowenig soll hier im nadihinein ihre Saditreue überprüft oder sollen gar Abweichungen verzeichnet werden [i]. Diese wie jene Anstrengung entzöge sidi dem Arbeitsgebiet der Literaturwissenschaft, dem Die erzählte Stadt zugehört.
Auch im engeren Kreis dieses Fachs ist Abgrenzung geboten. Weder gelten die Analysen einer Motiverfassung in der Weise einst verbreiteter positivistischer Forschungen, die etwa Ahasver, Kindsmord, Wald durdi ein bestimmtes Jahrhundert oder durchs Gesamtwerk eines bestimmten Dichters verfolgten [2]. Noch einer Problemdarstellung in der Weise der etwas später bevorzugten ideengeschichtlidien Abhandlungen, die etwa Auffassung der Liebe in der Romantik oder das Wirken von Vergebung und Gnade bei Shakespeare erörterten. So ergiebig solche Unternehmungen ausfallen können, wofern sie aus den Belegsammlungen auf stoffliche und ideelle Sciiwerpunkte der gemeinten Autoren oder Epochen folgern, - Stadt als Motiv wäre eben nur eins unter andern, die das Geschehen des betreffenden Romans bewegen; genauso wie sie als Problem nur eine Frage unter andern wäre, die den betreffenden Autor und mit ihm vielleicht seine Romanpersonen beschäftigen.
Gewiß stellt die Pariser Salongesellschaft die Bedingungen, wenn Julien Sorel in den achtzehnhundertzwanziger Jahren der Macht roter Uniformen und schwarzer Kutten nachzueifern lernt. Gewiß ist Bleak House von der neblig-trüben Atmosphäre Londoner Gassen, Kanzleistuben, Gerichtssäle äußerlich wie innerlidi gezeichnet. Und umgekehrt erfüllt sich die zwangshafte Wahlverwandtschaft zwischen vier eigen-