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EINLEITUNG
Die indische Kunst ist eine Entdeckung unseres zwanzigsten Jahrhunderts. Nicht, daß man sie vorher nicht gekannt oder nicht beachtet hätte, aber man kannte sie nur als eine ethnische Erscheinung, eine Eigentümlichkeit indischen Volkstums, beachtete und wertete sie daher als Kuriosität oder gar als Monstrosität. Unübersehbar ist beispielsweise die Einstellung Goethes, in seinen Gedichten häufig bezeugt, der es bedauerte, Indien nicht seine volle Liebe schenken zu können, nur weil es die indischen Bildhauer gegeben habe. Dabei waren Ende des achtzehnten und das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch die bedeutenden Werke der indischen Kunst nur in Beschreibungen oder in gänzlich imzulänglichen Nachzeichnungen bekannt. Heute wissen wir, daß eine so durch und durch plastische Kunst, vöe es die indische ist, nicht durch Zeichnungen wiedergegeben werden kann. Selbst die Griechen, die als die große Kunstnation des Altertums den meisten von uns durch ihre Skulpturen gegenwärtig sind, stehen im Vergleich zu den Indern den zeichnenden Künsten weit näher, und ihre Kunst ist daher auch, keineswegs zufällig, in den vor-fotografischen AbbUdungswerken weit adäquater wiedergegeben worden als die indische.
Es gab allerdings auch schon im neunzehnten Jahrhundert Freunde der indischen Kunst, die sie priesen, ohne sie zu kennen, wie beispielsweise August Wülielm von Schlegel, der in seiner .Indischen Bibliothek' über die indische Kunst schrieb, nur weil er Indien liebte und mit aller erreichbaren Gelehrsamkeit und einem gehörigen Schuß märchenhafter Phantasie Indiens Kultur als beispielhafthinstellenwollte.(i) Dabeisoll nicht unbeachtet bleiben, daß zahlreiche Werke indischer Kleinkunst, Bronzen, Elfenbeine, auch kleinere Steinbildwerke und vor allem Miniaturen schon frühzeitig nach Europa gelangten. Bezeichnenderweise aber sind diese Werke nie recht für Indien gewertet worden. Die Miniaturmalereien zählte man eher zu den persisch-arabischen Kunstprodukten und stellte sie in eine islamische Umgebung, wie man andererseits die Kleinplastiken gemeinsam mit Werken chinesisch-japanischen Ursprungs in einem fernöstlichen Zusammenhang sah. Die großen Bildwerke Indiens aber sind Felsplastik, oder allgemeiner, Bauplastik, die bis zum heutigen Tag meist am Ort ihrer ursprünglichen Fertigung stehengeblieben ist. Damit zeigt sich bereits ein weiteres Handicap indischer Kunst: sie ist nur in ganz geringem Maße Museumskunst. Die Einzelfigur ist Teil eines Ganzen, aus dem sie