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„MENSCHLICH IST DIESER KLANG"
Die Frage nach der geistigen Bedeutung eines Kunstwerks ist grundsätzlich von zwei verschiedenen Seiten zu betrachten. Es muß danach geforscht werden, ob das betreffende Werk seiner eigenen Zeit etwas „Neues", einen bisher nicht vorhandenen Wert, hinzugefügt hat. Das für das künstlerische Dokument und seine geistige Erscheinung jedoch noch wesentlichere Kriterium lautet: ob dieser Wert über die Zeit seiner Neuheit hinaus Bestand hat und in die Zukunft hineinwächst. Als Richard Strauß unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg mit seiner großen humanistischen Märchenoper „Die Frau ohne Schatten" vor die Öffentlichkeit trat, da überwogen jene Stimmen, die in dem Werk das Zusammenfassende, das im Bereich eines umfänglichen Schaffens zu höchster geistig-sinnlicher Wirkung Gesteigerte sahen. Es ist des Meisters reifstes und reichstes dramatisches Werk, das von Jahr zu Jahr mehr ins Bewußtsein der kunstempfänglichen Menschheit eindringt - aber es ist in seinem Wesen denkbar unsensationell. Mit dem nervenerregenden Dramenkomplex „Salome"-„Elektra" und dem Glanz der silbernen Rose der folgenden Wiener Komödie hat die „Frau ohne Schatten" nichts gemeinsam. Sie ist bei aller Meisterschaft eine im Goetheschen Sinne „einfache" Kunstschöpfung. „Das Wahre, Gute und Vortreffliche ist einfach und sich immer gleich, wie es auch erscheine", sagt Goethe in den Reflexionen zur Kunst.
Strauß war gerade fünfzig, als er sich der Komposition seiner eigentlich „großen" und „romantischen" Oper zuwandte. Ein Ausnahmewerk seines Opernschaffens, dessen Charakter von Anbeginn deutlich auf den Festspielgedanken hinweist. Auf der Höhe des Lebens, eben noch auf dem festen Boden des für Diaghilew geschriebenen prunkvollen Balletts „Josephslegende" und der sich in dekorativen Naturbildern ergehenden „Alpensinfonie", schrieb Strauß seine Humanitäts- und Ideenoper. Kein anderer als Hugo von Hofmannsthal, der österreichische Dichterfreund und Weggenosse seit der „Elektro", konnte ihm ein Textbuch in die Hand geben, dessen Kennzeichen hohes sittliches Ethos ist. Der letzte große schöpferische Musiker der bürgerlichen Epoche, ein sehr hellhöriger und menschlicher Musiker, überrennt die Grenzen üblichen realistischen Denkens und tritt mit uns ein ins Reich des Märchens, des Unwirklichen und Sinnbildlichen. „Die Situation ist eine heroisch-seelen-hafte, der Atmosphäre des .Fidelio' oder der .Zauberflöte' verwandt", schrieb Hofmannsthal einmal an den Komponisten. Es ist die Verherrlichung echter Gattenliebe. Es ist das Hohelied der Elternschaft: die Lobpreisung der Frauen, die zum Zeichen der Fruchtbarkeit Schatten werfen, die Seligpreisung des Vaters, gefaßt in die leuchtenden Verse des Dichters. Die Stimmen der Wächter in den nächtlichen Straßen am Schluß des ersten Akts sprechen es aus:
Ihr Gatten, die ihr liebend euch in Armen liegt,
ihr seid die Brücke, überm Abgrund ausgespannt.