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VORWORT
Es ist noch nicht so lange her, daß man von der Entstehung und den Anfängen der griechischen Kunst eine unzulängliche Vorstellung hegte. Als Winckelmann 1764 seine .Geschichte der Kunst des Altertums' veröffentlichte, bemerkte er sehr treffend, daß das Schöne nicht unmittelbar zu Beginn der griechischen Kunst in Erscheinung trat und bis zu Phidias viele Entwicklungsstufen zurückzulegen waren; auf Grund von Beschreibungen führte er Holzstatuen von Daidalos oder Smilis an, aber er tat dies noch ganz auf Gelehrtenart und ohne sich von dem, was wir heute die Kunst nennen, ein Bild zu machen: er kannte nur archaische Münzen aus Athen und Sizilien und vermochte ihnen keinerlei Schönheit abzugewinnen. Den vollendeten Ausdruck des Schönen, das ihm schlechthin als das Gesetz der griechischen Kunst galt, fand er übrigens nicht in den von uns heute als klassisch angesprochenen, sondern in jenen Werken, für die wir das Wort hellenistisch geprägt haben, und vornehmlich in deren römischen Kopien.
Das ganze 19. Jahrhundert hindurch herrschte allgemein das Empfinden vor, daß es bis zu den Skulpturen des Parthenon keine wirkliche griechische Kunst gegeben habe und daß Schönheit und Naturtreue die einzigen Ausdrucksweisen der Griechen gewesen seien. Doch allmählich enthüllte sich die archaische Kunst, und man ward sich bewußt, daß Griechenland, ebenso wie das Mittelalter, seine Primitiven gehabt, daß es sogar eine rohe und barbarische Kunst gekannt hat, die geometrische Kunst, die bis zu dem Tage, da die Modernen sie für sich selbst entdeckten, als anstößig galt.
Eben von den Anfängen der griechischen Kunst wird uriser Buch handeln,' und zwar von den Uranfängen, denn wir werden an der Schwelle des 6. Jahrhunderts haltmachen, wo die Archaik zur vollen Entfaltung kam. Wir werden auch darstellen, welches Leben die Kunst vorher auf dem nämHchen Boden geführt hat, will sagen, die prähellenische Kunst. Und schließlich werden wir zeigen, welche außerordentlichen Verdienste um die Einführung in die griechische Kunst sich die Archäologie bereits vor hundert Jahren erworben hat: durch die Entdeckung eines geschlossenen Formenzyklus, der vor dem uns bekannten bestanden hatte. So wurden denn die Ursprünge der antiken Kunst in eine ungeahnte Vergangenheit zurückverlegt, und wir mußten erfahren, daß die Künstler im Lauf der Zeit die verschiedensten Sprachen gesprochen haben.
Sehr viele Arbeiten sind bereits diesen Ursprüngen gewidmet worden; wenn diese hier einige Originalität für sich in Anspruch nimmt, so zunächst aus dem Grunde, weil sie eine zweifacheBegrenzung durchbricht: die historische und die geographische. Es ist üblich, die Bronzezeit bis zu ihrem neolithi-schen Auftakt zurückzuverfolgen; seltener kommt es vor, daß ein Werk über die prähellenische Kunst über das Bronzezeitalter hinausgreift und die ersten Jahrhunderte der Eisenzeit, die bereits zur griechisch-archaischen Epoche gehören, bis zum Ende des 7. Jahrhunderts in die Betrachtung einbezieht. Damit wird auf eine neue Weise versucht, der Schwierigkeit zu begegnen, die das Studium des Übergangs vom II. zum I.Jahrtausend, von der vor- und frühheUenischen bis zur eigentKch griechischen Kultur, bereitet. Wir sind also gezwungen, die heikle Frage nach den Beziehungen aufzuwerfen, die zwischen den beiden unter demselben Himmelsstrich einander ablösenden Kulturkreisen geherrscht haben, gezwungen somit, Brüche und Verschiedenheiten, doch auch Ähnlichkeiten und Renaissancen zu erklären.
Es gab eine Zeit, da man an eine absolute Autonomie der griechischenKunst glaubte, an ihre völlige Unabhängigkeit von anderen Kunstkreisen, die zwar von der griechischen Kunst beeinflußt sein