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1 1 1963 ¦ Band 3
Die Melancholie in der neueren Kunst
Von Hermann Reuter
Die Bildgeschichte der Melancholie beginnt nicht etwa erst mit Dürers berühmtem Kupferstich „Melencholia 1" im Jahre 1514. Sie kann weiter zurückverfolgt werden. Aber auch in der neuen und neuesten Kunst läßt sich eine Fülle von Beispielen finden. Bisher wurde das umfangreiche Bildmaterial noch nicht zusammengestellt, weder aus der Zeit vor noch nach Dürer. Hier sind noch viele Schätze zu heben. Im 17. Jahrhundert versuchte Robert Burton in seiner dreibändigen „Anatomie der Melancholie" die melancholischen Erscheinungs- und Spielarten zu schildern. In jüngster Zeit hat der Jenaer Ordinarius für Psychiatrie Rudolf Lemke in seinem Buch „Psychiatrische Themen in Malerei und Graphik" (1958), das ein Jahr später bereits in 2. Auflage erschien, auch die depressiven Zustände in seine psychiatrischen und ikonographischen Studien einbezogen. Dieses Werk blieb leider unvollendet, da der Autor im Jahre 1957 im Alter von 51 Jahren aus vollem Schaffen herausgerissen wurde. So ist es verständlich, daß nur fünf Melancholiebilder darin enthalten sind. Auf dem Kupferstich Dürers sieht Lemke „eine schwere depressive Verstimmung. , vielleicht auch eine grübelnde Depression mit zwanghaltem Denken" dargestellt. Von Dürer stammt auch die Eisenradierung „Der Verzweifelnde", die er zwei Jahre später herstellte.
Vorseite: DIE WAAGE des Apothekers. Das Couven= Museum Aachens im Haus Monheim am Hühnermarkt, genannt nach jenen vier Generationen Architekten, welche die Aachener Spielart des Rokoko schufen, beherbergte 220 Jahre die „Apotheke zum Adler": seit 1662 unter vier Generationen Colbergs und dann unter vier Gene= rationen Monheims.
Abb. i, rechts. Ferdinand Hodlers (1853 — 1918) „Ent= täuschte Seelen" von 1892, Gegenstücke zu den „Lebens= müden" von 1891 und Vorläufer der „Eurhythmie" von 1895. Das Bild wurde von der bernischen Regierung auf der Nationalausstellung 1896 für 6000 Francs erworben und befindet sich seither im Berner Kunstmuseum, In= ventarnummer 249 (Loosei 499).
Das 1892 entstandene Bild des Schweizer Malers Ferdinand Hodler (1853 — 1918) „Enttäuschte Seelen" stellt fünf Menschen dar, die in einem Zustand schwerer Gedrücktheit die Köpfe hängen lassen. „Die Muskelspannung ist herabgesetzt, die Körperhaltung schlaff, der Oberkörper vornübergebeugt. Vor allem die mittlere Figur zeigt die Erschlaffung als Zeichen des seelischen Zusammenbruchs. Die beiden äußeren Figuren tragen Sorgenfalten auf der Stirn, die Hände sind ineinander verschränkt. Bei der linken Figur ist der Mund herabgezogen. Die zweite und vierte Figur lassen den Zustand der Verzweiflung dadurch erkennen, daß der Kopf mit den Händen gestützt und das Gesicht verborgen wird. Bei einigen Figuren hat man den Eindruck eines agitierenden Jammers. Der hier eindrucksvoll gemalte pathopsychologische Komplex ist für die Depression recht charakteristisch, nicht so sehr für den weniger komplizierten Zustand der Enttäuschung, den Hodler als Titel angibt" (R. Lemke).
Themen einer freudlosen Welt beherrschen das Oeuvre von Karl Hofer (1878 — 1955), der unter dem Eindruck der Kriegserlebnisse im Jahre 1919 seinen persönlichen, expressiven Stil fand. Aus dem Jahre 1937 stammt sein Bild „Mann in Ruinen", das den Zusammenbruch vorausahnte. Das 1929 entstandene Bild „Weinende Frau" „zeigt die depressive Stimmung am weinenden Gesichtsausdruck, an der zum Tränentrocknen hochgeführten Hand. Wir erfahren aus dem Inhalt des Bildes nicht, worüber die Frau weint. Die Traurigkeit und Bedrücktheit ist ohne Begründung dargestellt und ohne Inhalt. Das Gesicht erscheint trotz der Stirnfalten starr, maskenhaft, wie es oft bei Patienten mit «erstarrter Melancholie», mit «stiller Depression», auch im Stupor zu beobachten ist. Die Kranke ist von der Umwelt losgelöst, von ihrem bisherigen Dasein. Die Welt hat für sie jeden Wert verloren, alles außerhalb der Depression erscheint wesenlos, öde und leer" (R. Lemke).
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