Bővebb ismertető
Ein Begriff geistert seit geraumer Zeit durch die Spalten unserer Zeitungen und Vorbemerkungen Zeitschriften, über die Wellen unserer Rundfunk- und Fernsehsender — ein Begriff, der wie eine Krankheitsbezeichnung klingt und oft genug auch so verwendet wird: Er heißt »Nostalgie«. Das modische Fremdwort suggeriert, daß es sich bei dieser Erscheinung um ein spezifisches Symptom unserer Epoche handelt. Kritiker bemäkeln und bemängeln — sicherlich nicht immer ganz zu Unrecht —, daß die Veränderungen, die Verwirrungen, die erschreckenden Umbrüche unserer Zeit gar zu viele Menschen verlocken, eine Flucht in die Vergangenheit anzutreten. Übersetzt man Nostalgie weniger pessimistisch als »Heimweh nach der heilen Welt von gestern«, so wird erkennbar, daß es diese Nostalgie eigentlich schon immer gegeben hat. Eine jede Generation war geneigt, die Zeit ihrer Jugend, die Zeit der Eltern und Großeltern ein wenig wehmütig und sehnsuchtsvoll als »gute, alte Zeit« zu verklären —, und auch die Stürmer und Dränger unserer Tage werden wohl kaum davor gefeit sein, in 20 oder 40 Jahren ihre eigene, mit umstürzlerischen Gedanken erfüllte Jugendzeit als »goldene Zeit« zu betrachten. Nostalgie ist nicht unbedingt ein Krankheitssymptom, sondern eher eine — im wörtlichen Sinne! — »Alterserscheinung«!
So wenig geleugnet werden kann, daß nostalgische Neigungen heutzutage mit kommerziellen Absichten allzu sehr verknüpft werden, so wenig kann man das Heimweh nach der Vergangenheit pauschal als etwas Negatives abtun. Wer nämlich mit jener mildverklärten Vergangenheit wirklich konfrontiert wird, wer dazu gebracht werden kann, sich mit ihr intensiver zu beschäftigen, der wird bald entdecken, daß die Verklärung auf Vergessen beruht — auf Vergessen oder Verdrängen der Schattenseiten, die selbstverständlich jede gute alte Zeit ebenso aufwies wie die Gegenwart!
Eine solche Konfrontation strebt auch das hier vorgestellte Buch an, es möchte nostalgische Verklärung in sachliche Erklärung wandeln.
»Die gute alte Zeit« im engeren Sinne ist in Deutschland ein fester Begriff für jene Friedensjahre zwischen 1871 und 1914, für die »Kaiserzeit«, von der noch immer die ältere und älteste Generation schwärmt, von der Zeit, in der noch alles heil, sauber und geordnet erschien und in der die Eier 3 Pfennig das Stück kosteten! Zweifellos: Diese Jahrzehnte vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren eine in vieler Beziehung reiche, heile, interessante und fruchtbare Zeit. Das Gefühl der Behaglichkeit, der Geborgenheit, verstärkt durch das Bewußtsein, in einem intakten, starken und von einem »guten Kaiser« geführten Nationalstaat zu leben, übertönte zumeist das Unbehagen über Probleme und Mißstände, die es in vieleriei Bereichen gerade in dieser Zeit auch gab. Denn diese gute alte Zeit war für den größeren Teil der Bevölkerung nichts weniger als gut und heil! Das Buch versucht anhand zeitgenössischer Fotos, Dokumente und Zeugnisse das Bild einer Epoche zu zeichnen, wie sie wirklich war. Es geht nicht darum.