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ZUR EINFÜHRUNG
Der heutige Mensch hält wieder Ausschau nach den Heiligen. Auf die entscheidende Frage nach dem Sinn und dem Ziel des Lebens sind sie die unverzichtbaren Leitbilder - heute wie in den Tagen des frühen Christentums. Zwar sind die Heiligen Menschen mit Schwächen und Fehlern wie wir (was eine idealisierende Heiligengeschichtsschreibung der Vergangenheit zumeist verschwiegen hat), aber sie sind mit diesen Fehlern und mit den Härten und Widersprüchen des Lebens fertiggeworden. Das ist das Beispielhafte an den Heiligen, das den heutigen Menschen überzeugt. Er will mehr erfahren über die Kraft, aus der heraus sie ihr kompromißloses Leben lebten und darüber hinaus Taten vollbrachten, die dem vielgepriesenen gesunden Menschenverstand unerklärlich erscheinen. Aus dieser Kraft leisteten sie Unvorstellbares. Sie wurden zu Bewegern der Welt. Wer glaubt, die Heiligen in eine .überholte' Vergangenheit verweisen zu können, der wird eine solche Auffassung revidieren müssen, wenn er sich näher mit ihnen befaßt hat.
Jede Zeit hat ihre eigene Grundgestalt des Heiligen. Immer aber sind es Menschen, die aus einem tiefen Sendungsbewußtsein den Kampf mit den negativen Tendenzen ihrer Zeit aufnehmen. Als solche haben sie oft genug den Verlauf der Geschichte maßgeblich beeinflußt. Der entscheidende Aspekt jedoch, der die Heiligen als außerordentliche Menschen kennzeichnet: sie leben aus dem Übernatürlichen - also ein zweites, die diesseitige Wirklichkeit unendlich übersteigendes Leben! Hier liegt die Ursache, warum sich das Leben des Heiligen weder durch die wissenschaftliche Geschichtsschreibung noch durch die Methoden der modernen Psychologie je endgültig fassen läßt. Es bleibt unbegreiflich für den Verstand, unfaßlich für alle menschliche Erfahrung. Dennoch ist gerade diese Seite ihres Wesens und Lebens das, was den außergewöhnlichen Begriff des ,Heiligseins', des vollkommenen ,Heil-Seins' ausmacht.
„Das große Buch der Heiligen", das die Geschichte und die Legende von über 365 Heiligen aus nahezu zwei Jahrtausenden umfaßt, möchte dem Leser zu einer leisen Ahnung jener geheimnisvollen Wirklichkeit verhelfen, die das Leben der Heiligen zutiefst geprägt hat. So versucht es einerseits durch das Voranstellen des Geschichtlichen, also der historisch belegten Lebensdaten und -tatsachen, zunächst den geschichtlichen Lebensweg der Heiligen aufzuzeigen. Der Leser wird rasch erkennen, daß die Heiligen aus allen sozialen Schichten kommen und allen Altersstufen angehören. Er wird bemerken, daß sie nicht als HeiUge geboren wurden, sondern zumeist erst in einem langen Ringen, nach oft schweren inneren Kämpfen und großen Überwindungen, heilig geworden sind. Dabei dürfen wir nicht übersehen, daß neben Leid und Läuterung auch Freude und Heiterkeit