Bővebb ismertető
Mein sehr lieber Herr Chagall,
die Besonderheit der Ikonographie Ihrer Fenster für das Querhaus unserer Kirche, Ihr Heimgang zum Vater im Himmel wenige Monate nach Vollendung dieses Kunstwerkes und die Freundschaft, mit der Sie mich beschenkt haben, ließen mich für diesen vierten Band des Zyklus »Die Chagall-Fenster zu St. Stephan in Mainz« die sehr persönliche Form des Briefes wählen. Einen bibhschen Brauch aufnehmend, der zum Ausdruck bringen will, daß Ihr Weltbild, das der Bibel und Ihre große Kunst untrennbar miteinander verbunden sind, habe ich statt sonst üblicher Kapitel-Überschriften die Sinnabschnitte durch Buchstaben des hebräischen Alphabetes gegliedert. Darf ich es wagen, wird es gelingen, auch zu diesen mystischsten der neun Fenster zu schreiben: von den Querhausfenstern, ihrem Eingebundensein in Ihren Bibelzyklus, zu dem sie gehören, und von Ihnen, dem »bewußt-unbewußten Künstler«, her ein wenig den Zugang zum Geheimnis dieser Fenster zu eröffnen? Ich fühle mich dazu gedrängt, darf es wagen aus der uns gemeinsamen Liebe zur Bibel heraus, aus der Liebe, die Sie und Ihre liebe Frau mit mir verbindet, denn Liebe macht sehend, hilft, sich in den anderen hineinzusehen, läßt mich vielleicht erahnen, was Sie geschaut, empfunden haben, als Sie die drei Fenster für das Querhaus schufen, was Sie uns in ihnen mit ihrer gestaUlos gestalteten Ikonographie verkünden wollten. Seit der Vater im Himmel Sie, geliebter Herr Chagall, wenige Monate nach Vollendung dieser Ihrer letzten Fenster zu sich gerufen und damit eine zuvor nicht so sichtbare Beziehung zwischen dem vollendeten Kunstwerk und der Vollendung Ihres Lebens sich aufgetan, wurde mir die Gewißheit, diese Fenster von Ihnen und Ihrem biblischen Weltbild her richtig deuten zu können. Zugleich vertraue ich darauf, daß Sie mir helfen. Wir beide leben, leben in der alle Ihre Bilder durchstrahlenden einen Welt Gottes. Sie, lieber Herr Chagall, erleben sie jetzt nicht mehr in leiblicher und innerer, prophetischer Schau, sondern eingetaucht in die jenseitige, Zeit und Raum hinter sich lassende Welt, in der ihr eigenen Schau. Und ich, ich lebe noch in dieser sichtbaren, diesseiügen, mit Ihren Ewigkeit kündenden Kunstwerken gesegneten Welt. Sie leben jetzt anders, nicht weniger, sondern weit mehr, viel intensiver als wir in dieser Erdenzeit. Und deshalb ist auch der Dialog mit Ihnen seit dem Heimgehen zum Vater keineswegs abgerissen, nur gewandelt und - zuweilen meine ich - gesteigert.