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JOHANN SEB.BACH, HOHE MESSE IN HMOLL
Wie riesiger Fels aus Urgestein getürmt, so ragt J.S.Bachs „HoheMesse" empor. Hoch überden Wolken thront sein Gipfel in ^blauer Unendlichkeit, sonnenbestrahlt; in erhabener Einsamkeit, wohin kein anderer Klang zu dringen vermag.
J. S. Bachs Kunst ist eine Kunst der Sehnsucht nach dem Ewigen. In der Liebe, — der Gottesminne — findet sie das Mittel, sich ihm zu nähern, der Liebe, die das Zeitliche in dem Ewigen, das Endliche in dem Unendlichen verschlingt. Eine Sehnsucht nach dem Unbekannten, Geheimnisvollen, zu Offenbarenden, eine Sehnsucht, die nur „durch Sehnen wird gestillt". —
Genaue Angaben über die Entstehung des Werkes lassen sich nicht machen. Die beiden ersten Teile der Messe, das Kyrie und Gloria, fügte Bach einem Gesuch an den König von Sachsen um Verleihung des Titels eines Hofkompositeurs bei, welches das Datum des 27. Juli 1733 trägt. Die Komposition der übrigen Teile — Credo, Sanctus und Osanna setzt Spitta in die Zeit von 1734—1738. Das Agnus Dei geht zurück auf eine Arie der Kantate „Lobet Gott in seinen Reichen" und das Dona nobis pacem ist in der Musik eine Wiederholung des Gratias agimus, das ebenfalls aus einer Kantate — Wir danken dir — stammt*).
Dafe der Protestant Bach Messen komponiert, braucht uns nicht zu befremden. Luther hatte ja die Messe nicht abge-
schafft, sondern ihr nur durch Ausscheidung des Opferakts den Charakter als Opfer genommen; die feststehenden Teile — das Ordinarium missae — bleiben auch im evangehschen Kultus bestehen. So sehen wir denn auch nach der Reformation bis in die Zeit Bachs eine Reihe evangelischer Meister Messen für den gottesdienstlichenGebrauch komponieren. Die wundervolle Dichtung, die alle Höhen und Tiefen religiösen Gefühls durchwandert, die Bilder aneinanderreiht, wie sie ergreifender und rührender, gewaltiger und majestätischer in abwechslungsvoller, sich steigernder Reihe nirgends herrlither auftreten, bleibt ihnen erhalten. Wer aber war mehr berufen, die Herrlichkeit des hier geschilderten Gottesreiches in aller seiner Größe und Tiefe zu schildern, das geheimnisvolle, weit hinter aller Realität liegende Land des Sehnens zu durchwandern, als der größte deutsche Mystiker, als J. S. Bach? —
Aus tiefster Sehnsucht ist der erste Teil geboren,das Kyrie eleison; Sehnsucht nach Befreiung, nach Erlösung aus dieser Welt der Not, Verlangen, aufzugehen in der Liebe Gottes. Das ganze ergreifende Bild ist dargesteUt in der Form einer fünfstimmigen Fuge. Die Besetzung des Chores: 2 Soprane, Alt, Tenor und Baß. Das Orchester besitzt neben dem Streichquintett an Bläsern 2 Flöten, 2 Oboe d'amore (d.s. Oboen, die eine Terz tiefer stehen als die gewöhnliche Oboe und im
*) über die Beziehungen desQui tollis zur Kantate „Schauet doch und sehet", des Patrem omnipotentem zu „Gott wie ist dein Name", des Crucifixus zu „Weinen, Klagen", des Osanna zu „Preise dein Glücke", s. A. Schweitzer: J. S. Bach (1908) S. 684ff.
No. 959
E. E. 3999