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Das Mädchen
Virginia Elisabeth Stettenburg-von Maray sah ihren Vater, genauer gesagt den Mann, den sie für ihren Vater hielt, zum letztenmal an dem Tag, an dem sie achtzehn Jahre alt wurde. Natürlich konnte sie nicht wissen, daß es das letztemal sein würde. Doch es fiel ihr auf, daß er schlecht aussah, die hagere Gestalt hielt sich nicht mehr so gerade wie früher, er ging leicht vornübergebeugt, das schmale, strenge Gesicht war blaß und von tiefen Furchen durchzogen.
Die grauen Augen blickten müde und gleichgültig, und sie fand auch diesmal nicht darin, wonach sie stets so sehnsüchtig gesucht hatte: eine Spur von Anteilnahme und Wärme, so etwas wie Zuneigung. Liebe vielleicht sogar.
Dennoch war es eine freudige Überraschung für sie gewesen, als ihr sein Besuch am Tag zuvor angekündigt wurde, nachdem sie sich bereits damit abgefunden hatte, daß sie ihren Geburtstag nur wieder mit den Schwestern und den wenigen Schülerinnen, die genau wie sie die Ferien im Kloster verbringen mußten, feiern würde.
Das waren wie immer Anna-Luisa, die Vollwaise war, und die Zwillinge Sabine und Barbara, deren Eltern, beide Ärzte, bei einem Forschungsteam in Afrika arbeiteten. Die Zwillinge waren nette, heitere Mädchen, aber mit ihrer gegenseitigen Gesellschaft so beschäftigt, daß man mit ihnen nicht wirklich befreundet sein konnte. Sie waren durchaus kameradschaftlich, aber man kam sich in ihrer Gesellschaft immer etwas überflüssig vor, nur eben gerade geduldet. Virginia, die sehr sensibel war, empfand es jedenfalls so.